Achtung - Kussgefahr!

Achtung - Kussgefahr!

Ich finde Küssen eine unglaublich schöne Ausdrucksweise - speziell dann, wenn man verliebt ist. Diese Geste, die seit jeher eine tiefe Verbindung darstellt, ist nicht immer einfach zu bewerkstelligen. Als ich eines Abends mit drei Freundinnen in einem Restaurant sass, wollte ich es genauer wissen.

Vier gut gelaunte Frauen an einem Tisch können eine unglaubliche Dynamik entwickeln. Diese wirkt sich meistens in der Offenheit aus, die sich dann breitmacht, wenn man ein bestimmtes prickelndes Thema anspricht. Und da sprudelten sie alle auf einmal mit Geschichten los und ich konnte mich vor Lachen kaum halten. Tatsächlich schien das Thema Küssen eine sehr wichtige und wie sie meinten, auch fundamentale Angelegenheit zu sein.

"Es ist von ungemeiner Wichtigkeit, dass der Mann beim ersten Date gut küsst und die Frau von seiner Zungenfertigkeit überzeugen kann.", meinte Monika nickend. Und da scheitern scheinbar weitaus mehr Männer als man denkt...

Susanne war mittlerweile rot angelaufen (das lag daran, dass sie während dem Sprechen nicht regelmässig ein- und ausatmete) und kicherte ununterbrochen vor sich hin. Sie hatte soeben die Geschichte von Peter erzählt, der während er versuchte sie sehr leidenschaftlich zu küssen, einen Hustenanfall gekriegt hatte. Er konnte sich nicht sofort erholen und keuchte was von „gib mir noch ‚ne Minute“ und hustete dann erfolgreich weiter. Die romantische Stimmung war logischerweise im Keller und Susanne hatte dafür einen Lachkrampf. Das fand wiederum der liebe Peter nicht sonderlich witzig und fühlte sich missverstanden - er dachte sie mache sich über ihn lustig und verschwand zielstrebig Richtung Toilette. Ich muss hier wohl nicht erwähnen, dass er danach unter einem enormen Kuss-Druck stand.

Da meldete sich grinsend Petra zu Wort:“ Diese Geschichte muss ich euch erzählen!“ und begann alsbald zu Lachen. Das war bei ihr das übliche Prozedere – sie wollte etwas erzählen, stellte sich die Situation bildlich vor und musste folglich zuerst alleine darüber lachen. Na ja, nachdem sie sich wieder erholt hatte, begann sie endlich mit ihrer Kussgeschichte:“ Erinnert ihr euch an Robert?“ Wie konnten wir Robert vergessen!

Er war der Gockel des Reviers schlechthin. Seine Selbstgefälligkeit kannte keine Grenzen und er schien sich nicht bewusst zu sein, wie dämlich das die Leute fanden. Eigentlich war er ein herzensguter Mensch, war attraktiv und ziemlich charmant. Einzig mit den Hirnzellen musste was richtig falsch gelaufen sein, wir nannten einen solchen Fall den "Planetarium-Zustand". Ähnlich wie im Sonnensystem und den rotierenden Planeten, kreisten Roberts Hirnzellen in seinem lieben Kopf gaaaaanz langsam im Kreise. Und wie die Planeten eben auch, so konnten seine wenigen Hirnzellen unmöglich aufeinandertreffen...

Als der liebe Robert seine ersten Annäherungsversuche bei Petra tätigte, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Er drückte sie leicht an sich und der erste zarte Kuss war wirklich schön. Als dann nach einer kurzen Weile die Leidenschaft ins Spiel kam, erwachte Petra sehr schnell und ernüchtert aus diesem Traum. Der Grund war wohl klar: Er küsste unmöglich. Einfach unerotisch und langweilig. Petra nannte diese eigenartige Liebkosungs-Variante: "Den Dentalhygieniker-Kuss" - kurz DH-Kuss. Gelächter.

"Ich sag euch, das war das Unerträglichste, was mir je untergekommen ist!". Petra wischte sich die Tränen von den Augen weg und fuhr fort: "Stellt euch vor, dieser Typ hat doch tatsächlich alle meine einzelnen Zähne - und das sind beileibe nicht wenige - mit seiner Zunge erforscht. Ich wäre dabei beinahe eingeschlafen. Als er damit fertig war knabberte er an meiner Lippe herum und tastete dann mit seiner Zunge meinen Gaumen ab. Dass er nicht noch meine Mandeln untersuchen wollte, wundert mich bis heute!" Wir krümmten uns vor lachen. Wie konnte ein Mann denken, dass Zähnelutschen erotisch sei?

Ich atmete kurz durch und meinte: "Ich würde es einem Mann sagen, wenn er nicht gut küssen kann. Auch die Männer sind heutzutage froh, wenn sie einen Tipp kriegen. Und wenn es mit dem Küssen schon von Anfang an kriselt, kann man den Rest auch vergessen. Schliesslich ist es das Intimste, was man sich geben kann.".

Susanne begann wieder zu kichern. Man sah es ihr von weitem an, dass sie an jemanden denken musste, der wirklich sehr grossen Mist gebaut hatte. "Mädels, diese Geschichte kennt ihr noch nicht. Ich war mit diesem super breitschultrigen Typ David aus und wir hatten einen netten Abend verbracht. Ich habe mich wirklich zu ihm hingezogen gefühlt und wollte ihn besser "kennen lernen" - sprich meine Hormone waren kurz vor dem Durchdrehen. Tja, wir waren in meinem Wagen, sassen da, schauten uns an und seine Lippen waren halb geöffnet und dann küssten wir uns. Oder besser - er küsste mich." Ich runzelte die Stirn, so weit schien ja alles in bester Ordnung zu sein. "Wo ist denn der Haken? Klingt doch so, wie es sein muss...". Sie begann erneut zu kichern und schüttelte den Kopf: "Habt ihr jemals gedacht, dass ihr bei einem Kuss in Todesgefahr schweben könntet? Nein? Ich schon! Dieser Typ hatte den Billard Kuss voll im Griff und ich wäre um ein Haar erstickt!". Sie schaute in die Runde und bei mir ging immer noch kein Licht auf. Ein Billard Kuss?

Sie holte tief Luft und klärte uns auf: "Also, der Mann greift sich dein Kinn mit beiden Händen - du bist dann wie im Schwitzkasten und kannst dein Gesicht nicht mehr bewegen. Tja, dann drückt er mit unwahrscheinlicher Leidenschaft seine Zunge in deinen Mund hinein und verweilt dort eine ganze Weile. Natürlich steckt er diese dermassen tief hinein, dass du, wie beim Zahnarzt, den Mund nicht mehr zukriegst. Der Kiefer ist dann wie blockiert. Auch spielt er dann mit seiner Zunge herum, aber das bekommst du gar nicht mehr mit, weil du nur damit beschäftigst bist, Luft zu kriegen. Während du um dein Leben kämpfst, gibt er dann eigenartige stöhnende Geräusche von sich- als hätte er Magenschmerzen - und drückt seine Zunge immer weiter in deinen Rachen hinein. Er stopft einem wortwörtlich den Mund zu und du versuchst dich aus seinem Klammergriff zu entziehen und schubst ihn weg, aber keine Chance! Es ist ja schon gut, wenn man seine Leidenschaft Ausdruck geben will, aber eine Frau fast am Rande der Ohnmacht zu bringen ist schon der Brüller. Das ist der Billard Kuss." Gelächter ohne Ende.

Petra grinste: "Ich denke wir Frauen müssen einfach klarer werden mit unseren Wünschen, wie soll sich ein Mann zurechtfinden? Wenn ich an Lorenz denke, hätte ich ihm nicht unter die Arme gegriffen, wäre er heute noch beim Flirt Chat!". Lorenz war einst ein Lover von Petra, ein kurzes Abenteuer. Monika grinste: "Ach, meinst du den mit dem Ventilatoren-Kuss?". Und lachte so laut heraus, dass sich die Gäste der umliegenden Tische zu uns kehrten.

"Lorenz war immer schon sehr beweglich mit seiner Zunge gewesen. Und er hatte eine unglaubliche Ausdauer...". Ich unterbrach sie: "Petra, bitte...". Sie grinste mich eindringlich an und fuhr weiter:" Ich denke, sein Motto war, wer sich nicht bewegt hat verloren! Seine Zunge, seine Lippen und überhaupt der ganze Körper - alles war in ständiger Bewegung. An zärtliche Küsse in Ruhestellung war einfach nicht zu denken. Und dann seine ständigen Zwischenkommentare und Fragen. Wenn ich mit einem Mann so intensiv beschäftigt bin, habe ich doch keinen Bock noch gleichzeitig ein Interview abzugeben!"

"Stellt euch vor, er rotierte mit seiner Zungenspitze an meiner herum und das nonstop. Immer im gleichen Rhythmus. Es kam mir vor, als hätte ich einen kleinen Propeller im Mund - ich habe ihm danach den Übernamen "Helikop" gegeben, was er gar nicht witzig fand. Auch war ich immer leicht ausser Atem und konzentriert mitzuhalten, denn diese schnell kreisenden Zungenübungen waren ganz und gar nicht leicht. Dazu kam, dass seine Hände und sein Körper auch im gleichen Rhythmus mit wippten - ich fühlte mich wie auf einer verdammten Achterbahn! Natürlich versuchte ich die Sache so gut wie möglich mitzumachen, aber eine gewisse verkrampfte Haltung konnte man mir nicht absprechen. Schliesslich wurde mir das ganze zu bunt und ich unterbrach diese rotierende Geschichte abrupt. Er hatte mich damals erstaunt angeschaut, denn er hatte keinen blassen Schimmer was los war." Riesengelächter.

"Kennt ihr die Ohren-Bohren Technik?", fragte Monika uns. Das Ohr bohren? Sie lachte und erklärte uns: " Von wegen Bewegung und Zwischenkommentare. Hat euch ein Mann während des Küssens noch nie unerwartet den Zeigefinger ins Ohr gesteckt? Nicht? Keine Ahnung, was sich dieser Typ dabei gedacht hatte, aber er wiederholte es immer wieder. Da küsst du so richtig intensiv rum - und Bumm! Plötzlich rammt er sein Finger in dein Ohr und kreist diesen ununterbrochen herum. Manche Männer denken, dass wir das erotisch finden, wenn sie ihre Zungen in unserem Ohr schnalzen lassen, aber das ist sowieso ein riesiges Missverständnis! Ich finde es störend und es macht mich richtig aggressiv. Aber dann noch einen kreisenden Finger ins Ohr gesteckt zu bekommen, ist wohl absolut das Letzte! Oder seid ihr so richtig scharf geworden, als der Ohrenarzt bei euch in der Hörmuschel rumgemacht hat?" Gegröle ohne Ende.

Susanne war wieder tomatenrot angelaufen und rang nach Luft. Sie hatte ununterbrochen gelacht und konnte sich kaum erholen. "Kennt ihr die "ich-küss-dich-weich"-Variante? Eine ganz raffinierte Geschichte muss ich sagen! Unglaublich langwierig und kein Ende ist in Sicht, wenn ein Mann damit begonnen hat...". Jetzt war Petra diejenige, welche nicht ganz verstand. "Was meinst du genau? Von wegen ich küss dich weich?". Susanne grinste über das ganze Gesicht: "Diese Variante spielt sich wie folgt ab. Du liegst oder sitzt, spielt keine Rolle. Du musst dann deine Augen schliessen und entspannst dich. Nee, wir sind nicht am Meditieren! Dann beginnt er dir zärtlich die Stirn zu küssen, dann beide Augenlider, die Brauen... Weiter geht’s mit den Wangen und dann kommen die Ohren dran, schliesslich kommt er beim Hals an - und dann beginnt das ganze Spiel wieder von vorn. Und das sind dann so richtig nasse, feuchte Küsse...".

Monika zuckte lächelnd mit den Achseln: "So schlimm ist das doch gar nicht. Ich finde es schön, wenn der Mann sich mit meinem Körper beschäftigt. Wenn er sich nicht nur auf das Gesicht beschränkt...!". Ich lachte auf: "Was Susanne hier meint ist, dass dieser Typ mit Sicherheit, sehr lange ihr Gesicht liebkost hat! Und ich nehme an, dass sie es nicht gerade umwerfend fand...". Susanne nickte bedächtig: "Stimmt!  Anfänglich ging es noch und ich dachte, dass er irgendwann zu neuen Taten schreiten würde. Ich begann mich nämlich zu langweilen und war nicht mehr bei der Sache. Dank seinen wässrigen Küssen, hatte ich eine komplette porentiefe Gesichtsreinigung abgekriegt und verspürte ein grosses Verlangen mein Gesicht zu trocknen. Ich hatte doch keine Gesichtsbehandlung bei der Kosmetikerin gebucht! Ich wartete geduldig auf ein Ende dieser einschläfernden Feuchtigkeits-Kur. Aber nein, diese Übung dauerte mehr als 10 Minuten! Ich war kurz vor dem Eindösen und versuchte mich wach zu halten. Mein Kribbeln im Magen war futsch, meine Hormone waren aus lauter Eintönigkeit eingepennt und ich verspürte plötzlich unglaubliche Lust nach Schokolade." Vier weinend lachende Frauen - ein Bild für die Götter.

Als wir uns wieder einigermassen erholt hatten, schritt ich zur nächsten Frage: "Gut, wir haben nun die ganze Zeit gejammert und uns über schlecht küssende Männer beschwert. Wir wissen nun mit Sicherheit, was wir nicht wollen...", meinte ich ironisch: "Aber welche Küsse sind denn der absolute Renner?". Tja, auf diese Frage waren die doch sonst vifen Frauen wohl nicht vorbereitet. Kurze Stille am Tisch und dann meldete sich Susanne: "Es sind die Küsse, die zuerst sanft beginnen und dann mit leidenschaftlichem Enthusiasmus enden. Es sollte einfach ein harmonisches und erotisches Zusammenspiel sein!". Verträumt kuckten wir alle aus der Wäsche. Es gab kein Kuss Rezept. Bei aller Erfahrung und dem angesammelten Wissen, ob's wirklich klappt oder nicht - Probieren geht über Studieren!