Anders

Anders

Monika war wieder verknallt und schwebte auf Wolke sieben. Sie blickte mich besonnen und verträumt an und seufzte nun sicher zum dritten Mal vor sich hin. Ihre Gedanken waren ganz und gar nicht bei mir.

Dabei spielte sie mit ihren lockigen Haaren und merkte nicht, dass ich seit einer geschlagenen Minute auf ihre Antwort wartete. Ich schaute sie grinsend an und meinte gespielt gelassen: „Gut, dass dieser Typ von gestern bei dir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, ist nun offensichtlich! Aber hättest du bitte die Güte mir ein paar Details preiszugeben?“

„Sorry Manu! Aber ich komme seit heute Morgen nicht in die Gänge und kann mich nicht konzentrieren. Dieser Mann hat mir den Kopf verdreht! Und der kann küssen...hast du gewusst, dass man anhand einer Kuss-Session sagen kann, ob er mit dir im Bett harmoniert oder nicht?“ Immerhin, ich hatte eine kleine Information, sie hatten sich also geküsst. "Und weiter? Himmel, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit! Wer ist dieser Mann, wo hast du ihn kennengelernt und wie ist sein Name?“, zerstreutes, verschossenes Huhn. Im Grunde genommen war ich froh, dass sie wieder einmal in dieser schwebenden Verfassung war. Sie hatte lange genug herumgenörgelt und sich beklagt, dass sie nie einen Mann finden würde, der ihren Ansprüchen gerecht werden könnte.

„Sascha, heisst der Mann und sieht blendend aus! Er ist gross gewachsen, athletischer Körper und hat eine unglaublich erotische Ausstrahlung. Vor einer Woche habe ich ihn an einem Seminar kennengelernt. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und uns gestern Abend das erste Mal getroffen." Und weiter ging es mit dem Schwärmen: "Er hat eine kreative Ader, hat sehr viel mit Kunst zutun und malt selber Bilder. Die Welt hat er schon sehr oft bereist und kann unglaublich viel von verschiedenen Kulturen berichten. Seine Projekte waren viel im Ausland angesiedelt und so hat er sehr viel erlebt. Das merkt man auch, denn seine Ansichten sind sehr offen und tolerant. Er akzeptiert eigentlich jede Form, solange diese nicht sein persönliches Leben beeinträchtigt. Manu, der ist so intelligent und belesen! Ich war richtig von seiner Art gefesselt! Er hat Charme, Humor und kann wirklich sehr offen über alles sprechen. Ich bin einfach hingerissen...“

Nach dieser Lobeshymne war es nicht gerade einfach, eine kritische Frage zu stellen. Aber bei so vielen positiven Eigenschaften, mussten doch irgendwo auch Schwächen liegen. Es ist nicht so, dass ich ihr diese positiven Gefühle ausreden wollte, aber um ein Bild abzurunden, sind Schattenseiten genauso interessant. Wenn nicht aufschlussreicher. „Und weshalb ist denn dieser wunderbare Mann, mit all diesen faszinierenden Eigenschaften, denn noch Single?“, ich versuchte diese Frage so beiläufig wie nur möglich erscheinen zu lassen. Bei Monika konnte man nie wissen, ob sie es als Beleidigung auffassen würde. „Ach, weißt du, ich weiss nicht. So viel Zeit haben wir ja noch nicht miteinander verbracht. Aber ich denke, es können nicht viele Leichen in seinem Keller liegen. Er scheint mir ein offener und lebensfroher Mensch zu sein, der ehrlich und loyal mit seiner Umwelt umgehen kann. Er ist feinfühlig, extrem verständnisvoll und ist ein guter Zuhörer. Er ist ein Traummann!", sie lächelte mich verträumt an. Verliebte sind vor der Realität immun und sind blindlings im Schwebezustand anzutreffen. Ich freute mich für sie.

„Und ich sag dir! Der kann genial küssen und kann seine Hände so richtig einsetzen... Ich wäre gestern viel weitergegangen, aber er hat sich wie ein Gentleman verhalten und hat im richtigen Moment die Handbremse gezogen. Hat mir dann zum Abschied einen sanften Kuss auf die Lippen gedrückt und mir gute Nacht gewünscht. Ich war wie gelähmt stehen geblieben, ich war sprachlos! Wo finde ich heute noch einen solchen Mann, der so zärtlich ist – und doch spüre ich, dass er sehr wild und leidenschaftlich sein kann! Ich kann ihn nicht sofort durchschauen und er hat eine unberechenbare Art an sich, die ich so anziehend finde. Ich habe Schmetterlinge im Bauch und mein ganzer Körper kribbelt! Ich glaub ich habe mich ein wenig verliebt...!“ Seufzer.

Grinsend musste ich ihr beipflichten: “Ein wenig verliebt? Das ist wohl recht untertrieben! Dich hat’s voll erwischt! Wann siehst du ihn wieder?“ Ihre Augen strahlten erneut: „Heute Abend! Und ich weiss nicht, was ich anziehen soll! Na ja, irgendetwas werde ich wohl in meinem Schrank finden. Ich freue mich so...werde dir morgen alles berichten. Und wenn das alles so weitergeht, wie ich es mir erträume, dann werde ich ihn dir gerne vorstellen. Er wird dir sicher gefallen – er ist unglaublich kommunikativ und redet sehr gerne mit Frauen. Seiner Ansicht nach, können Männer mit gewissen Themen, wie Sex oder Beziehung, einfach zu wenig anfangen. Ihn interessiert stets auch die weibliche Ansicht, deshalb hat er mehr Freundinnen als Kumpels. Such mir doch bitte einen Mann, der sich für das weibliche Denken interessiert oder es sogar ein stückweit versteht! Deshalb finde ich ihn einfach spitze!“
Weibliche Ansichten interessierten ihn und er war verständnisvoll und zärtlich – und noch Single. Da war gar nichts einzuwenden, aber irgendwie hatte ich ein eigenartiges Gefühl in der Bauchgegend. Erklären konnte ich es mir nicht, denn es bestand keinen Anlass zur Beunruhigung. Also beschloss ich meine Bedenken nicht zu äussern - vielleicht hatte sie einfach einen aufrichtigen und tollen Mann kennen gelernt. Ich drückte ihr auf jeden Fall ganz fest die Daumen.

Am nächsten Tag trafen wir uns wieder beim Mittagessen und sie sah übermüdet aber glücklich aus. Ich interpretierte dies als ein sehr gutes Zeichen, denn das bedeutete sicher, dass der Abend ein Erfolg war. Ich wartete ab und hörte ihr bei ihrer Ausführung zu: „Ach, es war super cool und so was von romantisch gestern. Wir waren italienisch essen und haben den ganzen Abend, bis sie uns rausgeworfen haben, geredet und geredet. Dabei haben wir auch kräftig geflirtet und er hat mir sehr viel von sich erzählt. Die Stunden sind nur so verflogen...und da keiner von uns so müde war, haben wir bei ihm zu Hause noch einen Kaffee getrunken...“, unverblümt grinste sie mich an. Ich wollte einen Kommentar abgeben, aber sie kam mir zuvor: „Nein, es ist nichts passiert! Es kam nicht dazu, aber wir haben mächtig gekuschelt, wenn du weißt, was ich meine...“

Ich finde es generell gut, wenn man nicht sofort mit einem Mann im Bett landet und das ganze Pulver schon anfangs verschiesst, aber irgendetwas stimmte da doch nicht. „Weshalb habe ich denn das Gefühl, dass da etwas nicht so ganz nach deinen Vorstellungen läuft? Hat er doch noch eine Schwäche gezeigt, dein Mr. Perfekt?“, meinte ich ironisch. Monika runzelte ihre Stirn und meinte vorsichtig:  "Ich weiss nicht, was es ist, aber irgendetwas blockiert mich bei ihm. Versteh mich nicht falsch, er zieht mich enorm an und ich hätte ihn liebend gern vernascht. Aber etwas hält mich zurück und ich weiss beim besten Willen nicht, was es ist. Als ich nicht mit ihm schlafen wollte, hat er Verständnis gezeigt und gemeint, dass wir ja viel Zeit hätten und nicht rennen müssten. Ich finde es ja toll, wenn ein Mann so reagiert. Ist ja absolut wünschenswert, aber... ach, ich weiss doch auch nicht. Es gibt ja nichts offensichtlich Falsches oder Schlimmes an ihn. Vielleicht suche ich jetzt wieder einen Fehler, damit ich mich nicht richtig in ihn verliebe – meine alte Schutzfunktion?“

Super Frage – und eine Antwort darauf wäre so oder so falsch gewesen. Was konnte ich denn hier noch dazu beitragen, ich kannte diesen Sascha ja nicht einmal. Ich zuckte meine Achseln und antwortete mit einer Gegenfrage: “Sag mal, seit wann ist Sascha denn wieder Single? Oder war er gar verheiratet?“ Ich wollte sie ein wenig ablenken, aber auch mehr Hintergrund Informationen erhalten.
„Tja, das ist eine gute Frage, er hat mir von einer Beziehung erzählt, die vier Jahre zurückliegt. Seit damals hat er mit keiner Frau ein festes Verhältnis gehabt. Ich denke, er muss sehr stark mit seinem Geschäft beschäftigt gewesen sein. Er ist eben sehr ehrgeizig und diszipliniert, so hat er sich zumindest dargestellt. Ja und so wie es aussieht, habe ich ihm den Kopf verdreht und er möchte mich besser kennen lernen. Ich meine, irgendwie fühle ich schon ein wenig geehrt, dass ich nach vier Jahren, quasi die erste interessante Frau für ihn bin. Er hat gemeint, ich sei schön und intelligent zugleich, hätte Humor und könnte mit meiner Ausstrahlung Eisberge zum Schmelzen bringen. Er ist halt hoffnungslos romantisch und kann wirklich schöne Komplimente machen.“ Vier Jahre ohne Beziehung, das war eine lange Zeit.

„Wo wohnt Sascha eigentlich? Bei uns in der Nähe oder eher ausserhalb der Stadt?“ Sie meinte mit einem leicht abschätzigen Ton: „Du, der wohnt noch mit seinem Kollegen Tim in einer Wohnung. Bei aller Liebe, aber das könnte ich nicht, ich brauche meinen Freiraum...“ Ich widersprach ihr: „Ich finde das gar nicht schlimm, eine WG hat durchaus seine positiven Seiten, solange man aneinander vorbei kommt und sich nicht wegen jedem Kleinkram in die Haare kriegt. Hauptsache die haben eine Putzfrau – in Männerwohnungen sieht’s ja manchmal so richtig unordentlich aus...“

Sie nickte schmunzelnd: "Nein, eine Putzfrau haben die beiden nicht. Tim ist der Meister Proper in diesem Männerhaushalt. Dieser Typ muss ein ziemlich aufgeweckter Bursche sein, denn Sascha schwärmt geradezu von ihm. Er wohnt seit exakt vier Jahren mit ihm unter einem Dach – die sind gerade, nachdem Sascha sich von seiner Ex Freundin getrennt hatte, zusammengezogen. Es war scheinbar einfach sinnvoller – schon vom finanziellen Aspekt her. Tim muss so ein richtiger Hausmann sein – er ist der, welcher den Haushalt schmeisst und kochen kann wie ein kleiner «Bocuse». Sascha hat auch gemeint, dass Tim mir sicher gefallen wird, weil er ein ähnlich offener und kommunikativer Typ ist, wie er selbst.“ Mir ging gerade ein etwas wirrer Gedanke durch den Kopf, aber ich liess es lieber bleiben – dennoch wollte ich mich absichern und fragte ganz beiläufig: „Sag mal, steckt der liebe Tim, denn in einer Beziehung?“ Monika antwortete schnell: „Nee, der Typ hat die Schnauze voll von Frauen. Scheinbar hat ihn seine letzte Beziehung regelrecht kaputt gemacht. Er muss 'ne richtige Zicke geangelt haben. Sascha sagt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er sich wieder in eine Frau verliebt. Tims letzte Beziehung liegt etwa drei Jahre zurück. Die Tatsache, dass beide ähnliche Beziehungskisten erlebt haben, hat sie sicher zusammengeschweisst. Sascha meint, er könne sich sein Wohnpartner nicht mehr wegdenken."

Nun wurde die Lage so richtig suspekt und mir brannte die Frage so richtig auf der Zunge. Aber ich wusste nicht so recht, ob ich dies Monika antun sollte oder nicht. Also, fassen wir mal zusammen, dachte ich für mich, denn ich wollte keine unnötige Aufregung mit meiner kommenden Frage erzeugen.

Sascha war seit vier Jahren nicht mehr in einer festen Beziehung gewesen. Hatte scheinbar auch keine weiteren grossartigen Geschichten mit Frauen erlebt. Tim ist direkt und zur gleichen Zeit mit ihm in diese Wohnung eingezogen. Beide waren von der Frauenwelt frustriert und sicher enttäuscht worden. Beide sprechen lieber mit Frauen, weil sie scheinbar mit den Männern den Draht nicht finden. Auch sind ihre Themen mehr auf der weiblichen Ebene zu finden. Sie sind kreativ, verständnisvoll und sind sehr einfühlsam und sensibel. So.

Ich nahm einen kräftigen Schluck von meinem Wasser, schaute Monika direkt in die Augen und nahm das Risiko einer hysterischen Attacke in Kauf:“ Monika, kann es sein, dass Sascha bisexuell ist?“
Monika starrte mich mit offenem Mund an. Sie schluckte schwer und lehnte sich zurück. Stille war die Antwort – sie musste meine Frage erst verdauen. Aber ich merkte, dass sie nicht wirklich geschockt war über meine Annahme.

„Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch schon darüber nachgedacht. Dieser Tim kommt bei Sascha in jedem dritten Satz vor. Das hat mich insgeheim ein wenig gestört und leicht genervt. Tim hier, Tim da und Tim ist der Beste und Tim ist der Grösste! Aber ich kann mich nicht an diesen Gedanken gewöhnen und irgendwie passt es auch nicht zu Sascha. Er ist doch ein super Mann! Es ist doch unmöglich, dass ich ein solches Pech hätte...aber vielleicht ist an dieser Geschichte etwas dran. Ich meine, heutzutage ist es kein Skandal mehr, wenn ein Mann schon mit einem anderen Typen etwas gehabt hat. Aber ich will nicht, dass es ausgerechnet meiner sein muss! Manu, wie soll ich denn das herausfinden?“ Sie blickte mich hilflos und mit ihren fragenden Augen an.
Ich seufzte wieder – schon wieder eine Geschichte, die nicht einfach so „normal“ und friedlich beginnen konnte. „Ich denke du solltest ihn direkt fragen. Das wäre am ehrlichsten und einfachsten, andere Vorgehensweisen würden alles schwieriger machen und nur noch mehr Missverständnisse auslösen. Wenn er ja so tolerant, offen und ehrlich ist, wird er dir sicher nicht den Kopf abreissen. Du hast ja selber gesagt, dass ihr über alles sprechen könnt."

Fuchtelnde Arme flatterten vor meinen Augen, Monika war nun in einer aufgeregten Verfassung und meinte aufgebracht: „Ja super! Und wenn er dann beleidigt ist? Und wenn er nichts mit diesem Tim und überhaupt nie mit einem Mann gehabt hat und ich eine solche Frage stelle – ich könnte ihn doch so verlieren! Und das will ich auf keinen Fall!“ Ich schüttelte den Kopf: „Wenn ihr doch so gut miteinander reden könnt und er so ist, wie du erzählt hast, wird er dich sicher nicht wegen einer solchen Frage verlassen. Und was ich wichtig finde, lieber von Anfang an wissen wo man steht und Unklarheiten aus dem Weg räumen, als dann nach mehreren Jahren frustriert die Flinte ins Korn werfen. Was hast du denn wirklich zu verlieren? Wenn er nicht bisexuell ist, dann wird er unter Umständen einen Moment lang die beleidigte Leberwurst spielen und alles kommt wieder ins Lot. Und wenn er’s ist, ja dann hat sich diese Sache vielleicht für dich erledigt.“

Aufbrausend gab mir Monika eine zischende Antwort: „Was heisst hier vielleicht? Er wird dann direkt und sofort abgeschossen! Ich kann nicht einen Mann an meiner Seite haben, der andere Typen interessant findet. Ich will die Einzige sein und will meinen Partner sicher nicht mit jemand anderen teilen! Stell dir vor, der könnte sich dann jederzeit in meiner Abwesenheit mit Tim treffen und eine Nummer schieben! Gott – nein, das könnte ich nicht! Und stell dir vor, bei jedem super Kerl, der vorbeigeht, schauen wir beide nach und finden ihn vielleicht genau gleich toll und sexy. Das kann doch nicht gut gehen!" Diese bisexuelle Annahme machte sie fix und fertig.
„Na, na, na...wir wollen jetzt nicht in Panik geraten – wir wissen noch nicht, ob er’s nun ist oder nicht. Ich denke, aufregen kannst du dich, wenn du definitiv Bescheid weisst." Ich wollte etwas Ruhe in diese Situation bringen, aber sie war nun wild entschlossen zu handeln. Sie versprach sich sofort zu melden, denn sie wollte Sascha mit dieser Frage noch am gleichen Tag konfrontieren.
Ich sass abends vor meinem Computer und war konzentriert am Arbeiten, als eine aufgeregte Monika mir in den Hörer hinein plärrte: „Er ist es! Er ist bisexuell! Und Tim war tatsächlich sein Freund – und dies für drei lange Jahre! Ich bin ausser mir und ich könnte sterben!“, schluchzte sie weiter. Sie war durcheinander und in einem verwirrten Zustand und so richtig aufgelöst. Scheisse, ich hatte recht gehabt. Das bedeutete ich musste die liebe Monika in den nächsten Tagen wieder aufpäppeln und aufbauen. Dieser Schlag war für sie deutlich unter der Gürtellinie gelandet.

„Tut mir leid für dich, aber jetzt weißt du wenigstens, wo du stehst...“, versuchte ich doch den positiven Aspekt der Sache wieder in den Vordergrund zu bringen. Aber das half gar nichts, wie eine Dampfwalze überrollte sie mich und liess mich nicht weiterreden – sie musste ihr Leid loswerden:“ Und weisst du, was noch der absolute Hammer ist? Er will dennoch mit mir zusammen sein! Er meint, dass die Geschichte mit Tim schon abgeschlossen ist und er lediglich ein guter Freund sei. Sie haben sich getrennt und Sascha schwört, dass er sich in mich verliebt hat! Bei der Frage, wie das genau möglich wäre, dass ich nun als Frau auf sein Interesse gestossen bin, hat er mich am Telefon fast ausgelacht. Nur weil er auf Männer stehe, gäbe es keinen Grund, auch Frauen gut finden. Er sei in mich verknallt und wolle jetzt keinen anderen Mann und auch keine andere Frau an seiner Seite haben. Nur weil man bisexuell sei, würde man nicht andauernd Sex-Orgien mit allen möglichen Menschen ausleben. Ich kann doch nicht mit jemanden zusammen sein, der auch Männer liebt! Ich glaub ich drehe durch...!"
Ich wusste beim besten Willen nicht, was ich ihr sagen sollte: “Monika, du weißt doch am besten, ob du mit einer solchen Situation auskommen kannst oder nicht – und wenn nicht, dann lass es und sag’s ihm!“ Ruhe am Ende der Leitung: “Er hat gesagt, dass die Sache mit Tim, sprich mit der Männerwelt, absolut nichts mit mir zu tun hat und dass er kein Problem hat, beide Seiten zu trennen. Ich sei ihm wichtig und er wolle mich besser kennen lernen und viel mit mir erleben. Ich solle doch diese ganze Geschichte nicht so eng sehen. Schliesslich sei er in mich verliebt. Es ist unglaublich, wieso immer ich? Weshalb habe ich alle komplizierten Fälle? Kann ich nicht einfach einen normalen Mann treffen, der hetero ist, etwas in der Birne hat und gut im Bett ist? Nein, ich angle mir einen bisexuellen Typen, der mit seinem Ex-Freund unter dem gleichen Dach wohnt und mich überzeugen will, dass das absolut normal ist! Ich brauch dringend Alkohol! Es ist einfach zum kotzen!“

Sie legte eine kurze Verschnaufpause ein und lamentierte weiter: „Und weißt du, was er mich dann noch gefragt hat? Ob ich mir eine Beziehung mit einer Frau jemals vorgestellt habe! Unglaublich! Ich meine, ich stehe hundertprozentig auf Männer! Er meinte, dass ich das vielleicht ausprobieren sollte, das eröffne mir eine ganz andere Perspektive zu mir selbst. Das sei wie eine Spiegelwirkung und man lerne sich viel besser kennen. Es sei eine beflügelnde Erfahrung. Wie kann er mir bloss einen solchen Vorschlag machen? Ich weiss was ich will! Und das ist sicher nicht eine Frau als Versuchskaninchen «zur Selbstfindung» zu haben und dann noch einen bisexuellen Freund nebenbei zu vögeln! Wie hat er sich diese ganze Geschichte vorgestellt, he? Wenn wir dann alle Lust haben und gut gelaunt sind – dann könnten wir doch einen flotten Vierer schieben? Ja, wieso denn nicht? Es wäre ja nichts dabei, schliesslich würden wir uns alle gut kennen, nicht wahr! Ich fasse es nicht, dass ich mich mit solchen Themen überhaupt befassen muss!"

Arme Monika, jetzt tat sie mir wirklich leid. Das Ganze war einfach zu viel für sie und ich verstand es, dass sie empört und enttäuscht war. Auf der anderen Seite sind solche Fälle absolut alltäglich, nur dass es die wenigsten Menschen offen zugeben. Wir kennen ja solche Geschichten, wenn zum Beispiel die Frau früher nach Hause kommt und sie ihren Ehemann in Strapse und geschminkt, tanzend vor dem Spiegel findet. Oder der Mann herausfindet, dass die Ehefrau seit Jahren eine sexuelle Beziehung mit ihrer besten Freundin pflegt. Über solche Gegebenheiten wird nicht offen gesprochen, denn es gehört sich schliesslich nicht. Und nun wurde Monika schlagartig in diese „etwas andere“ Realität hinein geschleudert und das musste sie zuerst noch verdauen.

Sascha bekam am nächsten Tag einen Korb. Er wollte diese Entscheidung nicht akzeptieren und eröffnete Monika, dass er um sie kämpfen würde. Das interessierte sie nun wirklich nicht mehr. Sie erholte sich relativ schnell von diesem «Schockerlebnis». Er hingegen gab sich Mühe, sie zurück zu erobern, aber alle Versuche scheiterten kläglich. Er gab dann schliesslich auf. Sein Kommentar war: „Du musst noch erwachen meine Liebe, du lebst in einem konventionellen Zustand und bist in diesen gesellschaftlichen Beziehungs-Strukturen gefangen. Du wirst nie erfahren, was es heisst, nach seinen inneren Sehnsüchten zu leben und die Freiheit des Individuums zu spüren.“ Und weg war er.
Anders sein heisst nicht besser oder schlechter als andere zu leben. Jeder wählt seine eigene Lebensweise und versucht so sein Glück – und das ist auch richtig so. Monika hat sich definitiv für die "Standard-Hetero-Ausführung" entschieden und kann heute über diese Geschichte herzhaft lachen.