Eine Frau sieht rot!

Eine Frau sieht rot!

Mein Zyklus. Juhu. Und es ist ja klar, dass man dann zu hören kriegt, dass ein lethargisch verpennter Pandabär auf Drogen frischer aussehen würde als ich. Dann gilt es einfach zu lächeln (du kannst sie nicht alle töten), um dann tapfer wie eine schwangere Bergente weiter zu watscheln.

An diesem Morgen verfluchte ich meinen Wecker. Ich hasste dieses schrillend unsympathische Ding. Welcher Idiot hatte bloss die Zeit erfunden? Langsam und mit unheimlichen Anstrengungen kroch ich aus meinem warmen Bett. Nein, Morgenstund hat definitiv kein Gold im Mund, eher schlechten Mundgeruch vom Vorabend. Was musste ich auch Champagner trinken und so viele Zigaretten rauchen? Stöhnend schlurfte ich ins Bad. Gott sei Dank wohnte ich alleine, denn mein Anblick hätte jeden Mann in die Flucht geschlagen. Als ich mich dann im Spiegel sah, wusste ich, dass dieser Tag nicht gut beginnen würde. Wenn man aufgedunsene Augenlider hat, der gesamte Kissenabdruck quer durchs Gesicht abgezeichnet ist und dann noch so widerspenstiges Haar erblickt, ist das positive Denken weit entfernt.

Im Büro wurde es nicht besser und meine Konzentration liess zu wünschen übrig. Ich hatte keinen Kater oder dergleichen, aber mir fehlte jegliche Antriebskraft. Keine Energie, als hätte jemand den Stecker herausgezogen. Was war bloss los mit mir? An solchen Tagen sollte man kritische Diskussionen einfach meiden. Eigentlich müsste ich jeweils ein Schild vor der Tür aufrichten auf dem "Bitte grossräumig umfahren - Beissgefahr" steht. Ich bin dann wirklich nicht zu gebrauchen. Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass solche Zustände eher selten vorkommen. Schliesslich bin ich von Natur aus ein sonniges und freundliches Wesen. Aber das nützte mir in diesem besagten Moment auch nichts. Eins wusste ich, an diesem Abend wollte ich mich nur in meine Wohnung verschanzen und die ganze Welt draussen lassen.

Als ich artig meiner Arbeit nachging und mit meinem Arbeitskollegen gerade ein Projekt durchackerte, spürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz im Unterleib. Mist! Ein Krampf meldete sich an, dieser begann sich in der Nierengegend breit zu machen und schmerzte dermassen, dass ich automatisch die Luft anhalten musste. Mein Zyklus. Juhu.

Eigentlich das Ultimative, was an einem solchen positiven Tag noch zu meinem unendlichen Glück fehlte. Mein Mitarbeiter schaute mich fragend an und meinte, ob ich gerade ein Gespenst gesehen hätte, ich sei bleich wie ein Schweizer Emmentaler Käse. "Super Idiot ohne Eileiter", dachte ich mir und zwang mich dennoch zu einem anständigen Lächeln. Er konnte ja schliesslich nichts dafür.
"Die Tante Rosa", "Die Kommunisten" oder einfach meine "Mens" waren im Anmarsch. Es gibt ja verschiedene Ausdrücke, um diesen unausstehlichen monatlichen Leidensweg der Frau zu beschreiben. Glücklich die wenigen Damen, die keine pulsierenden, stechenden und Wehe-ähnlichen Schmerzen durchmachen müssen. War ja kein Wunder, dass ich eine solche Scheisslaune hatte - meine Hormone tanzten gerade Tango in meinem Körper...

Gut, angesichts dieser üblen Tatsache, beschloss ich, dass ich schnellstens etwas Positives erleben musste. Mittags hatte ich Gott sei Dank keinen Lunch Termin vereinbart und beschloss frische Luft zu tanken. Mein Ziel: Frustshopping! Einkaufen war eine blendende Idee, ich musste etwas gegen diese innere Spannung tun.

Da eine Stadt klein ist, trifft man immer wieder auf bekannte Gesichter, Freunde oder einfach Arbeitskollegen. Und es ist ja klar, dass man dann zu hören kriegt, dass ein lethargisch verpennter Pandabär auf Drogen frischer aussehen würde als ich. Dann gilt es einfach zu lächeln (du kannst sie nicht alle töten), sie innerlich alle zum Teufel zu jagen, um dann tapfer wie eine schwangere Bergente weiter zu watscheln. 

Ich habe dann leider die Angewohnheit meine Aussagen im Gespräch etwas direkter zu gestalten als sonst; Small Talk an diesem Tag ist undenkbar. Meine Kommunikation beschränkt sich dann nur auf das Wesentliche und wird meist als stinkehrlich oder undiplomatisch abgetan. An Sex ist im Übrigen gar nicht zu denken. Sich selbst an diesem Tag erotisch zu finden, ist eh ein Ding der Unmöglichkeit.
Dann kommt mein umwerfendes Aussehen. Achtung. Die Haare sitzen ganz und gar nicht, sie hängen lustlos runter - ähnlich wie bei Hardrock Sängern. Der Gesichtsteint ist weisser als Kreide und kleine rote Pickel runden das Bild ab - schön nicht? Da kommt doch Stimmung auf! Mein Essverhalten ändert sich dann auch radikal; der Heisshunger nach Schokolade oder einfach nach Zucker ist dermassen gross, dass ich augenblicklich in eine Bäckerei umziehen könnte. Dann kommt die Einnahme der Schmerztabletten hinzu, die bewirkt, dass ich nicht ganz bei der Sache bin. Ich agiere dann eher wie ferngesteuert; wer dann am Steuer ist, würde mich bis heute interessieren...!

Während ich mir so überlegte, wen ich als nächsten umlegen würde, schritt ich weiter und schaute genervt in die Schaufenster der verschiedenen Läden hinein. Tja, was könnte mir ein Lächeln auf meine sonst so süssen Lippen zaubern? Und da sah ich das Ziel meiner kleinen Reise - ein Kosmetikladen! Jawohl, ich wollte mir etwas Gutes gönnen und mit einem Verschönerungstipp den Tag etwas freundlicher gestalten.

Als ich in diesen musikbeladenen und parfumberieselten Raum eintrat, wurde ich augenblicklich von einer Verkäuferin in Beschlag genommen. Ich kann es generell nicht ausstehen, wenn ich nicht mal Zeit habe, mich in Ruhe umzuschauen. Na ja, locker vom Hocker, dachte ich und setzte ein freundliches, wenn auch leicht verkrampftes Lächeln auf. "Kann ich Ihnen behilflich sein?", fragte sie in einem süssen, leicht schrillen Ton. Natürlich! Vier Wochen Malediven, einen super Typ à la Chris Hemsworth an meiner Seite und vielleicht könnten sie mir diese verdammten stechenden Schmerzen wegzaubern? Ich schüttelte den Kopf: "Ich schau mich nur kurz um", was eigentlich auf gut Deutsch hiess - scher dich um deinen eigenen Mist, ich komm dann schon, wenn ich eine Frage habe. Aber sie schien diese Anspielung nicht zu verstehen und redete weiter auf mich ein: "Also, im Angebot - und ich sag Ihnen das sind Spitzenprodukte - sind diese unglaublich straffenden Augenpartie-Ampullen, die speziell für reife Haut entwickelt wurden. Aus Meeresalgen und anderen Mineralien. Ist unser absoluter Renner!". Sie lächelte mich leicht mechanisch an, als hätte sie diesen schwachsinnigen Text auswendig gelernt. 
Ich schaute sie leicht entgeistert an, was hiess hier für reife Haut? Sah ich aus wie eine Sechzigjährige? Hatten sich meine Lachfältchen unter meinen Augen bereits in Furchen umgewandelt und ich hatte es nicht bemerkt? Ich räusperte mich: "Was meinen Sie genau mit reife Haut?". Sie lächelte wieder leicht belämmert und antwortete piepsend: "Nicht, dass Sie das nötig hätten! Oh nein, Sie haben eine solch wunderbare Haut...". Du kleine provisionsträchtige Schleimtante du, dachte ich und hätte sie liebend gern in dieser "wundersamen" Creme ertränken wollen. “...aber ab 30 Jahren sollte man die Gesichtshaut, speziell im Augenbereich, verstärkt pflegen. Wissen Sie, man kann nie früh genug damit anfangen. Ich brauche dieses Produkt ebenfalls und bin sehr glücklich und zufrieden!". Und da klimperte sie schon wieder mit ihren schwarz verklumpt geschminkten Wimpern. Himmel, die war angemalt wie ein Indianer und wollte mir was von Natürlichkeit und Pflege erzählen? Ihre Gesichtshaut war ja von einer herrlichen hell-beigen Make up Schicht so zu betoniert, dass ihre Poren sehr wahrscheinlich täglich einen Atemstillstand erleiden mussten..!

Ich atmete kurz durch und schaute mich um, vielleicht gab es noch etwas anderes was mich freudig stimmen würde? Sie verstand, dass ich nicht auf ihr Angebot einging und fuhr mit ihrem belämmerten Vortrag weiter:" Was auch ganz wunderbar ist und frisch aus Amerika zu uns gelangt ist..." und da fuchtelte sie mit ihrem Arm in die andere Richtung zu einem Regal - kuckte verstört um sich und suchte offensichtlich das angepriesene Cremchen. Ihre Miene erhellte sich, der Groschen war gefallen und nun wirbelten beide Hände und zeigten auf ein Produkt in einer anderen Vitrine. "Ja, da ist sie ja! Das ist die absolut beste Anti Cellulite Lotion! Sie wirkt effektiv und zeigt super gute Resultate innerhalb kürzester Zeit! Wir Frauen haben leider diesen ewigen Kampf gegen diese unmögliche Orangenhaut, nicht wahr? Und mit diesem unglaublichen Produkt müssen Sie die mühsamen Sportstunden gar nicht mehr in Betracht ziehen! Regelmässige Anwendung und auch Sie werden unbeschwert dem Sommer entgegensehen!". Sie strahlte mich an, als hätte sie gerade den Nobel Preis entgegengenommen.

Cellulite konnte man bekanntlich so gut wie möglich eindämmen, indem man sehr viel Sport ausübte, sich richtig ernährte und auch mit Produkten pflegte. Aber eine Creme alleine brachte da gar nix - riesigen Mist, den sie mir da verklickerte. Ich stand nachdenklich da und überlegte, ob ich mich aufregen sollte oder nicht. Sie versuchte mir etwas anzudrehen und verarschte mich gerade. Dumme Nuss.

"Haben Sie dieses unglaubliche Produkt auch zu Hause?", fragte ich sie mit einem spitzen Unterton und lächelte sie an. Sie schaute mich an und begriff nicht, dass ich das ironisch meinte. Sie nickte bedächtig und ihre blondierten Haare wippten fröhlich mit. "Klar, wir hier benutzen selbstverständlich alle Produkte, die wir verkaufen. Wie könnte ich sonst meinen gutgemeinten Rat abgeben?" und lächelte mich dämlich an. Schlampe. Du würdest deine eigene Grossmutter verkaufen, nur um auf deinen Umsatz zu kommen. "Wissen Sie, es ist halt die Pflege, die man sich gönnen muss. Denn schliesslich ist, ähm, der Körper und die Seele eins, nicht wahr!". Und wo hast du den Geist gelassen, Schätzchen? Scheinbar weilt der weit weg und hat sich bei dir aus dem Staub gemacht.

Ich kaufte die Gesichtscreme, das Peeling und dann noch die Augenpflege-Ampullen. Nun fühlte ich mich ein wenig besser. Auch wenn die "Dame" im Laden nicht die Leuchte in ihrer Materie war und sie offensichtlich nur verkaufen wollte - tja, ich musste doch auch meine Eitelkeit an diesem Tag stillen. Frauen sind chronische Sammlerinnen, wenn es um Kosmetikartikel geht, wir können davon nie genug kriegen.

Nachdem ich den Nachmittag schleppend und kurz angebunden hinter mich gebracht hatte, ging ich direkt nach Hause. Ich wollte mich nur verkriechen und meinem gepeinigten Körper Ruhe gönnen. Ich schmierte mir diese neu erworbenen Ampullen samt Creme auf mein Gesicht, sass mit einer riesigen Schachtel Pralinen vor dem Fernseher und schaute grinsend «Kill Bill 1». Jetzt war meine Welt wieder in Ordnung!