Frau am Steuer!

Frau am Steuer!

Frauen und Autos sind nie und nimmer kompatibel. Dies ist sicher das grösste Vorurteil des Jahrhunderts. Und wer nährt tagtäglich dieses Gedankengut mit ganz gemeinen und zynischen Sprüchen? Die Männer natürlich.

Wenn du als Frau belächelt, überfreundlich bedient wirst und dich jemand in einem Shop garantiert über den Tisch ziehen will – ja, dann mein Liebe, bist du sicher in einer Autowerkstatt gelandet! Die Männer gehen nämlich davon aus, dass das weibliche Geschlecht keine Ahnung von Autos, Motoren und PS hat. Und da täuschen sie sich gewaltig. Denn die Frau von heute ist nicht das Mauerblümchen von gestern. Wir wissen, dass wir die Zündkerzen nicht mit Feuer entflammen können! 
 
Und falls eine Frau am Rand einer Strasse steht und das Auto eine Panne hat, wird automatisch gelächelt. Es ist wie ein universelles Gesetz, dass dann alle männlichen Autofahrer ein wenig mitleidig und belustigt, die verzweifelte Dame schief angrinsen. Und im Übrigen weiss man dann definitiv, wie sich ein exotisches Tier im Zoo fühlt. Alle starren gebannt und es steht denen auf der Stirn geschrieben, was sie denken: “Typisch, nimm doch den Zug, Tussi. Dieser Wagen ist sowieso eine Nummer zu gross für dich!"
 
Es gibt allerdings noch die andere Sorte Männer – die sogenannten "Desperados“. Diese Männer sind die extrem hilfsbereiten Gemüter, die einen bis ans Ende der Welt oder auch nach Hause fahren wollen, weil dein Karren eh schon tschüss ist. Oder sie fachsimpeln wie wahnsinnig und wollen den Schaden gerade selbst analysieren und hoffen, dass sie bei dir Eindruck schinden können. Und warum wohl, sind diese männlichen Kreaturen denn so unglaublich hilfsbereit, während die anderen nichtstuend und grinsend zuschauen? Ganz einfach! Sie hoffen auf ein kleines Abenteuer! Und das können sie eh vergessen - eine Frau in einer solchen Situation, wird kaum auf sexuelle Eskapaden mit einem Dahergelaufenen toll finden, ausser er heisst Chris Hemsworth. Und der hält eh nie an... 
 
Ich sass nichtsahnend in meinem Wagen und fuhr nach Hause. Es war abends um 18 Uhr und ich war wie üblich im Hauptverkehr gelandet. Das war die tägliche Tortur, die man einmal besser, einmal schlechter ertragen konnte. Die Staus in der City waren ein alltägliches Bild und so sass ich gedankenversunken am Steuer und ass aus purer Langeweile Schokolade. Eigentlich war diese gar nicht für mich bestimmt gewesen, ich hatte es für eine Freundin gekauft - als Mitbringsel sozusagen.
 
An diesem Tag hatte ich ein reizendes Outfit an, einen dezent kniehohen schwarzen Rock (mit seitlichem Schlitz), darüber eine weisse Bluse mit angedeutetem Ausschnitt und schöne schwarze High Heels. Es war ein sonniger Abend, dementsprechend hatte ich eine schwarze Sonnenbrille aufgesetzt. Ich sah aus, wie die perfekte Femme fatale vom Dienst. Ich summte vor mich hin und entschied gerade eine Zigarette anzuzünden, als ich plötzlich merkte, wie der Wagen nicht mehr wirklich weiterfahren wollte. Mein Atem stockte, war dies bloss meine Einbildung oder reagierte mein Auto tatsächlich nicht auf meine Beschleunigungsversuche?
 
Dummerweise war ich gerade bei einer sehr wichtigen Kreuzung angelangt und die war höllisch befahren zu dieser Abendzeit. Ich bekam langsam, aber sicher Adrenalinstösse. Ich gab Gas – keine Reaktion. Als hätte jemand den Stecker rausgezogen, so rollte mein Wagen immer langsamer über die Kreuzung. Das erste Hupen machte sich bemerkbar und ich nervte mich bereits. Hupen ist für gewisse Fahrer eine richtige innere Befreiung der täglich angesammelten Frustrationen, die Toleranz im Strassenverkehr ist gleich Null. Ich war ziemlich ratlos, bog nach links und liess den Wagen rechts auf dem Fussweg ausrollen und kam dann definitiv zum Stehen.
 
Ich versuchte den Motor zu starten, aber nichts geschah. Scheisse! Ich begann zu fluchen. Das konnte doch nicht wahr sein! Ich hatte diesen Wagen neu gekauft und schon hatte ich eine Panne. Nun, um diese Abendzeit war es schwierig einen Automechaniker aufzutreiben. Gott sei Dank war ich bei einem Pannendienst Mitglied. Hilfe hatte ich also auf sicher. 
 
Nachdem ich Versuche unternommen hatte, den Motor erneut in Gang zu setzen, begann ich die Situation zu analysieren. Es konnte auf keinen Fall die Batterie sein, dachte ich, denn das Radio und die Elektronik funktionierten bestens. Tja, und da das Auto neu war, sollte es nicht der Motor sein. Ich schaute auf die Anzeigen, aber nichts deutete auf ein Problem hin. Typisch! Wenn man einmal von diesen elektronischen Dingern einen Tipp kriegen will, kommt gar nichts. Sonst nerven sie dich mit piependen Hinweisen, wie "Bitte Tanken", "Waschwasser auffüllen" oder "unter 4 Grad Glatteisgefahr". Ich kramte mein Handy aus der Tasche und tippte die Nummer der Auto-Hilfe ein und wartete. So banal sich das anhörte, es hätte sein können, dass ich kein Benzin in meinem Tank hatte. Aber die Anzeige deutete auf halb voll. Ich grübelte weiter.
 
Während ich also, bereits ziemlich gereizt, in meinem stehenden Wagen sass und auf Hilfe wartete, musste ich feststellen, dass ich schlechthin die Attraktion des Abends war. Auf dieser Strecke zumindest. Immerhin hatten sie etwas zum Lächeln - Schadenfreude gehörte leider schon immer zu den menschlichen Schwächen, dachte ich demoralisiert. Ein Typ gaffte mich an, als sei ich das 8 Weltwunder und langsam ging mir diese Situation so richtig auf den Sender. Und als ich dann auch zurückstarrte und eine Grimasse schnitt, schüttelte er den Kopf und grinste vor sich hin. So unter dem Motto: „Tja meine Liebe, Autos sind halt Männersache!" Ich schaute auf seine Felgen und musste höhnisch grinsen. Solche Dinger zeigten den überaus schlechten Geschmack, den er haben musste. Als ich dann noch ein besticktes Kissen mit Schildnummer im hinteren Teil des Wagens erblickte, war es definitiv klar – da war Hopf und Malz verloren. 
 
Schlimm finde ich – nebst Mobility Lenker - noch die Autofahrer, die Puppen, Plüschtiere und andere batteriebetriebene Viecher hinten im Auto ausstellen. Auch diejenigen, die den Wagen mit vielen Klebern zupappen, sind für mich einen Graus. "Ich bremse auch für Tiere!", sehr naturverbunden, Kompliment! Ich hingegen überfahre sehr gerne alle möglichen Lebewesen - mein Hobby sozusagen! "I love my dog" oder "My cat is my love", umrahmt von vier Katzenabbildungen; diese Menschen haben einfach noch nicht eingesehen, dass Fotoalben existieren. Und vielleicht würde ich dann noch ein paar Stunden beim Psychiater in Betracht ziehen.
 
"Gott ist dein Weg" oder "Jesus ist dein Licht im Leben!" sind die Hinweise, dass die sonntäglichen Hausbesuche von anstrengenden Missionaren vorüber sind. Denn heute wird im Strassenverkehr kräftig geworben. Ebenfalls armselig und peinlich sind Irreführungen bezüglich des Autotypus. Da werden GTI's und andere Bezeichnungen aufgeklebt und es ist so offensichtlich, dass diese Angaben nicht stimmen. Nicht wegzudenken, sind auch geschmackvollen Spoiler, die so überdimensional erscheinen, dass sie eher an eine Rakete erinnern. Ja, die lieben 20 cm... 
 
Es gab zwar allerdings einst einen Spruch, der meinen Tag kurz erhellt hatte, es war ein Aufkleber aus den USA, da stand übersetzt: "Wenn du kein Hämorrhoiden bist, bleib von meinem Arsch fern!" Das war wirklich ein Lacher wert. 
 
Mein Vater hatte mir einst einen gutgemeinten Rat gegeben. "Lenker, die während dem Fahren Hüte tragen, sind brandgefährlich!" Das verstand ich nicht - damals. Heute weiss ich, was er damit meinte und er hatte recht. Natürlich sind Sport-Caps ausgenommen, ich spreche von relativ grossen Hüten bei Mann und Frau. Diese Dinger schränken die Bewegungsfreiheit und die Sicht auf den Strassenverkehr beträchtlich ein. Deshalb ist ein sinnvoller Abstand zu diesen Wagen eine Grundregel. Diese Spezies bremst nämlich willkürlich und macht unlogische Manöver - zurückzuführen auf die räumliche Einengung - und kann sich einfach nicht im rollenden Autoverkehr eingliedern. Von Blinken noch nie was gehört - und falls sie diese Massnahme ergreifen - nie davon ausgehen, dass sie dann auch wirklich in die angegebene Richtung abbiegen! Hüte sind doch zum Schutz des Kopfes da, ausser bei High Society Anlässen. Und seit wann regnet oder schneit es im Auto? Ich spanne meinen Regenschirm ja auch nicht im Wagen auf!
 
Übrigens haben wir Frauen doch gewisse Vorteile im Strassenverkehr. Bei Polizeikontrollen zum Beispiel, da brauchst du dich nur wie ein naives Mädel zu verhalten, ein wenig hilflos aus der Wäsche zu kucken und mit den Wimpern zu klimpern. Im Normalfall lässt dich der Polizeibeamte ohne Probleme weiterfahren. Meistens jedenfalls...
 
Einst hatte man mich wegen einer geringen Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten (dämlicher mobiler Blitzkasten!). Ein kleiner Mann mit karottenfarbenen Haaren und rotschimmerndem Schnauz kam auf meinen Wagen zugerannt, als sei er gerade von einer Tarantel gestochen worden. Ich war zu spät dran, war auf dem Weg zur Arbeit und fluchte, weil ich die Sitzung verpassen würde. Nun, es gibt gewisse Menschen, die haben von Natur aus ein Minderwertigkeitsgefühl. Und dieser Beamte war exakt ein solch komplexes Wesen. Er schnaubte bereits vor Wut, wie ein kleiner Stier - einfach in rot. Scheinbar konnte er sonst im Leben seine Rolle als Mann nicht ausleben und musste seine Machtgelüste anderweitig ausüben. Und dies ausgerechnet bei mir. Bingo. 
 
OK, wenn man eine so «gnomähnliche» Statur hat, muss man sich halt mit Schreien und Anbrüllen Gehör verschaffen. Wegen der Distanz zur oberen Etage, versteht sich. Oder weil man einfach einen schlechten Charakter hat und keinen Anstand besitzt. Er brüllte mit Inbrunst: "Aussteigen!" Ich liess das Seitenfenster einen Spalt runter und meinte gelassen, ich stiege nur aus dem Auto, wenn er seinen Ton ändern würde, schliesslich sei ich keine Kleinkriminelle. Kein intelligenter Schachzug. 
 
Ich glaube, nicht einmal mein Mechaniker hatte mein Auto so unter die Lupe genommen, wie dieser wütende Miniatur-Bulle. Zu meinem absoluten Erstaunen wurde ein Hund vorbei geschickt - logisch, ich hätte ja eine Drogendealerin sein können. Als das Tier dann sabbernd auf meine Ledersitze stand, kochte ich vor Wut. Verkniff mir aber jeglichen Kommentar, sonst hätte er sehr wahrscheinlich meinen Wagen, Schraube um Schraube, auseinandergenommen. Als er dann mit links und rechts Blinken fertig war, meine Daten bei der Zentrale durchgegeben hatte und wusste, dass ich nicht vorbestraft war, suchte er verzweifelt weiter. Mann! Ich hatte ja bereits mit einer hohen Busse zu rechnen, was wollte er noch mehr? Er wollte mich bluten sehen und unbedingt seinen Frust loswerden. Er glich einem grimmigen Wurzelmännchen mit roten widerspenstigen Haaren, dachte ich sarkastisch und schüttelte den Kopf. Rumpelstilzchen auf Strafexpedition.
 
Und plötzlich hellte sich seine Miene auf, der schnüffelnde Troll musste etwas gefunden haben. Der Abgastest konnte es nicht sein und der Wagen war in der Werkstatt gewesen. Was war es dann? Er schritt heran und blickte mich an – genauer gesagt schaute er hinauf und knirschte mich an: "Sie haben Ihre neue Wohnadresse im Führerausweis noch nicht eintragen lassen! Das gibt eine Verweisung - und wenn sie diese Änderung nicht in den nächsten zwei Tagen bewerkstelligen, werden Sie gebüsst!" Seine Augen flackerten vor Freude, er war von seiner eigenen resoluten Art hingerissen. Ich lächelte ihn schräg an und schickte ihn innerlich zum Teufel. Er musste meine Gedanken gelesen haben, denn sein Ton wurde noch herrischer: "Und ich sag Ihnen, wenn Sie das nicht tun, werden Sie bestraft! Ich werde mich höchstpersönlich vergewissern, dass Sie das auch erledigen!" Superidiot der Extraklasse. 
 
Endlich rollte der Pannendienst heran und ich stieg aus. Und da passierte es schon wieder - der Zooeffekt war in vollem Gang. Die stehenden Kolonnen vor der roten Ampel kamen mir vor, wie ein riesiges Monster mit tausend starrenden Augen. Da musst du durch, sagte ich tapfer zu mir und schüttelte dem Retter der Not die Hand. "Wo ist denn das Problem?", fragte er mich. Superschlaue Frage! Ich erklärte ihm, wie mein Wagen zum Stillstand gekommen war und meinte, dass es vielleicht das Benzin sei. "Meinen Sie?", er runzelte die Stirn. "Aber die Anzeige steht auf halb voll. Das kann ich mir nicht vorstellen. Eher der Motor - hat das Auto eigenartige Geräusche von sich gegeben? Ein Rattern oder so?" Ich schüttelte den Kopf, ich hatte nichts Derartiges gehört. "Es ist ein neues Auto.", meinte ich vorsichtig. Er grinste mich idiotisch an: "Ach wissen Sie, auch neue Autos haben Probleme!" Danke, das habe ich ja nicht gemerkt, du Vollpfosten!
 
Ich wollte die Benzin-Theorie unbedingt aufrechterhalten und fragte ihn, ob wir nicht sicherheitshalber einfach mein Auto auftanken könnten. Er schüttelte vehement den Kopf und meinte, das sei nicht nötig, vielleicht könne es an der Batterie liegen. Ich nervte mich zusehends. "Hören Sie im Auto noch Musik, wenn die Batterie tschüss ist?" Er blickte mich leicht belämmert an. "Aha, nein weniger. Mmh, da müssen Fachmänner ran! Wir werden Ihr Auto jetzt in Sicherheit bringen." Wieso, gab es demnächst irgendwelche Bombenattentate auf meinen Wagen? Oder waren getarnte Autoterroristen in der Stadt? Ich seufzte resigniert.
 
Nachdem mein Auto abgeschleppt wurde und ich mit diesem Typen in die nächste, noch offene Werkstatt fahren musste, bekam ich Gott sei Dank einen Ersatzwagen. Zwei Tage später rief der Mechaniker an und informierte mich, was das eigentliche Problem war. Kein Benzin im Tank und der elektronische Anzeiger war defekt. Man(n) glaubte es nicht!