Ich weiss, was ich nicht will!

Ich weiss, was ich nicht will!

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen - man weiss nie was man kriegt. Bei Blind Dates ist es noch eine Spur riskanter...und manchmal kann es zu einem richtigen Albtraum mutieren!

Ich nickte nun etwa zum hundertsten Mal und hatte beinahe schon eine Genickstarre, denn er sprach ohne Unterbrechung. In Gedanken war ich derweil meilenweit fort, auf einer einsamen Insel am Strand mit rauschenden Wellen, einem exotischen Drink und einem halbbekleideten Adonis, der mir frischen Wind zu wedelte. Doch mit völlig überflüssigen Zwischenfragen riss er mich immer wieder aus meinen Tagträumen. Ich antwortete jeweils mit „Hmm“ oder „Mmh“ und manchmal auch mit „Mmh-hmm“. Mein Lächeln war verkrampft und ständig musste ich mein Gähnen unterdrücken. Ich war beim Mittagessen. Mit Simon.

Meine Freundin Isabelle hatte mir schon seit Wochen in den Ohren gelegen: „Oh ja, Simon musst du kennen lernen. Ich sage dir, er hat einfach eine unglaubliche Aura!“ Aura? „Und du wirst sehen, er ist so tiefsinnig und kann sich über alle möglichen Themen artikulieren! Er ist intelligent sage ich dir, unglaublich gebildet und unsagbar charmant! Also wenn der nichts ist, dann weiß ich auch nicht weiter!“  Isabelle war eine gute Freundin, manchmal etwas anstrengend – wenn man einen schlechten Tag hatte, konnte sie sogar unausstehlich sein – aber sie meinte es immer gut. Leider hatte sie dieses chronische Bedürfnis, alle Singles verkuppeln zu wollen. Und dies durchaus auch gegen den Willen der Betroffenen. Mit missionarischer Überzeugung hatte sie sich diese Kuppelei zur Lebensaufgabe gemacht. Als Ausgleich zu ihrer Ehe.

„Weißt du, ihr Singles habt einfach zu hohe Ansprüche! Du wirst sehen, ich habe dir nicht zu viel versprochen!“. Isabelle zuliebe, und nicht aus paarungstechnischem Interesse wohlverstanden, hatte ich schließlich nachgegeben und zu einem Mittagessen eingewilligt – und dies mit dem scheinbar langweiligsten Mann der Welt!

Simon war ein, auf seine Art und Weise, attraktiver Mann. Er hatte schwarze kurz geschnittene Haare, ein offenes und gewinnendes Lächeln und schöne Hände. Er besaß gute Manieren, einen mittelmäßigen Geschmack was Kleider anging und war definitiv nicht mein Typ.

Und so sassen wir nun bei diesem ganz spontanen Mittagessen in einer Pizzeria (wie einfallsreich). Ich überlegte krampfhaft, wie ich mich auf elegante Weise aus dieser unangenehmen Situation befreien könnte, denn während Simons Redefluss so vor sich hinplätscherte, wuchs mein Unbehagen mit jeder Minute ins Unermessliche. Ich bin stets bemüht geduldig mit meinen Mitmenschen zu sein, aber bei diesem Treffen brauchte ich geradezu Ausdauer. Vor allem kam ich kaum zu Wort, was ich geradezu unerträglich fand. 

Er predigte nun seit gut einer halben Stunde, wie er die Oberflächlichkeit der heutigen Gesellschaft verurteilte. Im Besonderen seien die heranwachsenden Jugendlichen völlig hilflos einer unstabilen und kommunikationslosen Gesellschaft ausgeliefert. „Und ich denke, dass die Sensibilität und das Einfühlungsvermögen für seine Mitmenschen, kurzum das Verständnis füreinander, für ein glückliches Zusammenleben einfach unerlässlich ist! In der Arbeitswelt wie auch im privaten Leben sollte man mehr auf sein Gegenüber eingehen. Achtung und Respekt. Die Leute hören einander gar nicht mehr zu, verstehst du was ich meine?“

„Du hast ja so recht“, entgegnete ich und meinte das absolut ernst. Doch bevor ich noch etwas anfügen konnte, fuhr er mit seinem Monolog fort und dachte dabei keineswegs ans Aufhören. Ich war kurz davor, in die Luft zu gehen und fragte mich, weshalb er dies als feinfühliges Wesen nicht bemerkte.

Dabei war er eigentlich die Oberflächlichkeit in Person, denn er hatte bis jetzt noch gar nichts von sich preisgegeben. Er hätte einen perfekten Politiker abgeben können. Oder einen Anwalt. Auch war er irgendwie total humorlos und nahm alle Dinge unglaublich ernst. Von funkelnden anziehenden Augenblicken keine Spur. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass er eine gewisse Leidenschaft im Bett entwickeln würde. Sicherlich würde er lieber über die aussterbenden Tierarten in Afrika diskutieren, als sich selbst einer animalischen Lust hinzugeben. Oh Gott, mit einem solchen Mann, wären die wilden und heißen Nächte für alle Zeit gestrichen! Ich würde das Fernsehprogramm auswendig kennen und womöglich zu einer bornierten Bibliothekarin mutieren, meine Beine nicht mehr depilieren und auf biologisch abbaubare Seife schwören. Schauerlicher Gedanke.
„Zahlen bitte!“, rief ich dem Kellner bei erster Gelegenheit zu. Das traf Simon wie ein Blitz. Erstaunt blickte er auf seine Uhr und meinte: „Ach Gott, jetzt musst du mich schon verlassen und ich habe die ganze Zeit geredet! Ich weiss doch noch gar nichts von dir.“ „Ach, das macht nichts!“, meinte ich und bemühte mich zu lächeln. Also vorwärts, ich will raus hier, zahlen, danken, abfahren. Gedanklich war ich längst wieder im Büro bei meinen leckeren Erdbeertörtchen im Kühlschrank.
Als der Kellner wiederkam überreichte er die Rechnung direkt an Simon, der sie sogleich aufs Genauste zu kontrollieren begann. Jeder Posten wurde mit einer Bemerkung taxiert und nach einer kleinen Ewigkeit nickte er und befand die Rechnung für korrekt. Automatisch zog ich meine Geldbörse aus der Tasche und blickte ihn an. Schließlich hatte er mich nicht direkt eingeladen – und Isabelle würde für das Essen sicher nicht aufkommen. Obwohl, eigentlich hätte sie ja für diese Tortur bezahlen müssen!

Simon zog ebenfalls sein Portemonnaie aus der Jacke und kramte darin herum. Plötzlich bekam er einen roten Kopf und schüttelte nervös den Kopf: „Das kann doch nicht wahr sein!“, rief er aus. „Ich habe tatsächlich mein Geld vergessen. Das ist sehr unglücklich. Ich hatte am Wochenende größere Ausgaben zu tätigen und habe mein gesamtes Bargeld aufgebraucht. Das ist mir jetzt aber peinlich!“ Hilflos starrten mich zwei Augen an. „Du hast doch bestimmt eine Kreditkarte?“, fragte ich nach, doch er verneinte vehement. Ein rechtschaffener Bürger würde mit Kreditkarten doch nichts zu tun haben wollen.

Ich saß wortlos da und musste alsbald los kichern. Die Situation war nun wirklich zu komisch. Wo war die versteckte Kamera? Wollte mich jemand auf den Arm nehmen? Das langweiligste Essen der Welt und nun musste ich auch noch dafür bezahlen?

„Ich danke dir und ich entschuldige mich für dieses Missgeschick“, stammelte Simon, „natürlich werde ich mich sehr gerne bei dir revanchieren!“ Und da folgte die unvermeidliche Frage: „Was hältst du davon, wenn wir uns wieder zum Lunch treffen? Sagen wir nächste Woche? Würde mich nämlich sehr interessieren, wie deine Anschauungen sind, welche Themen dich in der heutigen Zeit beschäftigen. Und bitte versteh mich nicht falsch - du hast kaum was gesagt. Ich denke, du musst dialogtechnisch ein Trauma haben. Ich werde dir gerne zeigen, dass ich nicht wie die anderen Männer bin.“
Hilfe.
Ich atmete tief durch. Dann setzte ich ein Lächeln auf und meinte vorsichtig: „Hör zu Simon, ich denke wir lassen es lieber bei diesem einen Treffen.“ „Aber wir können uns Zeit lassen! Ich finde ja auch, dass man sich nicht gleich Hals über Kopf in eine Beziehung hineinstürzen sollte.“ Wer zum Geier hatte hier von Beziehung gesprochen? Wenn ich mit jemandem essen gehe heisst das doch noch lange nicht, dass ich ihn gleich heiraten will.

Doch Simon setzte noch einen oben drauf: „Bist du in deiner letzten Beziehung verunsichert worden? Hat dich ein Mann so verletzt, dass mein Kommentar dich näher kennen lernen zu wollen zu viel war und du dich eingeengt fühlst? Ich wollte dich auf keinen Fall bedrängen, aber auf der anderen Seite musst du dich auch ein wenig öffnen, sonst wird das mit uns nie was.“ 

Mann, atmete der eigentlich noch? „Nein, Simon, nichts von alledem, es ist einfach so, dass ich kein Interesse habe dich weiterhin zu treffen. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel!“ „Es bleibt mir wohl nichts Anderes übrig...“, murmelte er und lächelte missmutig vor sich hin. Seine Augen sprachen Bände – jetzt war ich definitiv zu einer oberflächlichen Tussi ohne Inhalt mutiert. Wie konnte ich es nur ausschlagen, ihn weiter zu treffen? Schließlich war er doch den anderen Männern weit voraus. Dann reichte er mir zum Abschied zügig die Hand und stampfte eilig davon.

Kaum war ich im Büro angekommen, rief mich Isabelle an: „Und, wie ist es gelaufen?“. Noch bevor ich antworten konnte, jubilierte sie: „Ich hatte dir doch gesagt, dass er diese unglaubliche Aura hat!“ Ich wusste immer noch nicht, was sie damit meinte. Offenbar hatten wir doch sehr unterschiedliche Auffassungen was den Begriff Aura anging. „Hallo, bist du noch da?“ „Ja, ja“, entgegnete ich, während ich mich über mein zweites Erdbeertörtchen hermachte. „Ach, Isabelle“, begann ich zögernd, „ich glaube Simon ist auch nicht der Richtige für mich.“ Bei diesem Satz fiel sie aus allen Wolken und hielt mir einen langen Vortrag, wobei sie noch einmal alle Vorzüge von Simon samt Aura herausstrich. Dann beendete sie das Telefonat mit einem leicht gekränktem Unterton: „Weißt du, ich glaube du weißt einfach nicht was du willst!“. Damit mochte sie ja in gewisser Weise Recht haben, doch nach diesem Mittagessen mit Simon wusste ich einmal mehr, was ich ganz sicher nicht wollte!