Karma is a bitch!

Karma is a bitch!

Wer nicht hören will, muss fühlen - oder - wenn man(n) nur hören will, was man(n) will.

Es war verregneter Sonntagnachmittag, ich sass gemütlich auf meiner Couch, meine Flimmerkiste lief und ich lackierte entspannt meine Fussnägel. Feuerrot. Eine diabolische Farbe und passend auf das, was noch kommen würde. Da klingelte mein Telefon.

Am andere Ende hörte ich zuerst einen tiefen Seufzer, gefolgt von einem hektischen Husten.  Ich zuckte zusammen und hatte fast einen Hörschaden. Endlich ertönte dann eine leicht zittrige, männliche Stimme: „Manu? Ich bin’s, Marco...“ Ich freute mich riesig und antwortete mit Enthusiasmus: «Marco! Wie geht es dir? Hab schon länger nichts mehr von dir gehört. Was treibst du eigentlich die ganze Zeit, scheinst wie vom Erdboden verschluckt worden zu sein!“

Stille am anderen Ende. Eigenartig. Hallo? „Manu, kann ich bei dir ein paar Tage übernachten?“ Bitte? Bei mir übernachten? Was war jetzt schon wieder los? Marco war schon immer ein Chaot gewesen. Bei ihm wusste man nie, was er als Nächstes aushecken würde. Aber dieses Mal schien die Sache ziemlich ernst zu sein, denn ich spürte, dass er irgendwie am Ende seiner Kräfte war.
Marco war ein Gentleman, wie es im Buche stand. Sah blendend aus, war charismatisch, trat selbstsicher auf und war der geborene Entertainer. Er war Inhaber einer erfolgreichen Textil Firma und besass Kleider Boutiquen im ganzen Land. Sein Charme war stadtbekannt und viele Frauen hätten sich gerne mit ihm eingelassen. Aber Marco war bereits an Melissa vergeben, die ich als Person sehr schätzte. Eine selbstbewusste, attraktive Frau mit Charakter und «internen eisernen Eiern». Sie hatte in vielen Situationen ein oder zwei Augen zugedrückt und zeigte viel Geduld mit diesem doch sehr lebhaften Mann. Marco war nicht gerade pflegeleicht, hatte aber ein gutes Herz und darauf kam es ihr an. Melissa war so was wie Marcos Fels in der Brandung. Und irgendwie waren sie das Traumpaar der Szene.

„OK, eins nach dem andern. Du hast sicher wieder etwas ausgefressen und bist auf der Flucht vor Melissa. Habe ich recht? Und wo bist du eigentlich, es hallt so sonderbar durchs Telefon. Bist du in einer Telefonzelle?“ Ein lautes Ächzen ging durch die Leitung und Marco antwortete mit einer leicht weinerlichen Stimme: „Ach Manu, ich bin gerade ziemlich durch den Wind. Das glaubt mir keiner. Und nein, ich bin nicht in einer Telefonkabine. Ich weiss, dass es komisch hallt, ist ja auch kein Wunder...“. Himmel Herrgott noch einmal, was war eigentlich los? „Marco, erklär endlich was los ist! Mann, du stellst dich sonst nicht so an!"

Schweigen. „Marco? Bist du noch da?“ Abermals ein Stöhnen, ein Räuspern und dann kam endlich eine Antwort: „Manu, sie ist weg. Melissa ist weg. Und alles andere auch.“ Alarmstufe Rot. "Gut, schnapp dir dein Auto und komm zu mir. Wir werden in Ruhe darüber reden.“ Ein kurzes „OK“ ertönte am anderen Ende und die Leitung war tot.

Ein Drama à la Kardashian war im Anmarsch. Marco als Freund zu haben bedeutete auch stahlharte Nerven zu behalten. Er konnte super anstrengend sein. Aber meistens hatte er irgendwas Banales angestellt und die Sache erledigte sich nach ein paar Tagen wieder. Er war ein gutmütiger und grosszügiger Kerl und liebte Melissa von Herzen, das wusste ich mit Sicherheit. Was aber nicht bedeutete, dass er nicht gerne mit anderen Frauen flirtete und sich seine Bestätigung auch von aussen holte. Aber zu weit wäre er nie gegangen. Allerdings war ich mir jetzt nicht mehr so sicher. Melissa war nicht eine Frau, die gerne Szenen machte und irgendwelche kindischen Aktionen startete. Sie hatte Klasse.

Die Tür ging auf und was ich sah, war ein Häufchen Elend. Marco hatte alles andere als ein frisches Aussehen. Seine Augenringe liessen auf ein heftiges Weinen schliessen und sein nicht rasiertes Gesicht auf eine gleichgültige Laune. Traurige und leblose Augen schauten mich an – ist ja auch normal, es kommt nicht jeden Tag vor, dass dich deine Liebe verlässt. Ich liess ihn eintreten und er nahm auf der Couch Platz. Nachdem ich ihm wortlos einen Cognac in die Hand gedrückt hatte, begann er stichwortartig zu sprechen.

„Ich bin ein Idiot. Ein riesiger Arsch, Manu. Ach, wie soll ich das erklären. Es ist einfach nur... scheisse gelaufen. Und mein Haus. Gott, wenn du das sehen würdest. Eine Katastrophe!“ Sehr aufschlussreich, danke. Ich hatte immer noch keinen blassen Schimmer wovon er sprach. „Marco, nimm einen kräftigen Schluck und alles von vorne bitte. Ich habe keine Ahnung wovon du sprichst. Und wo sind deine Sachen? Ich dachte du willst bei mir übernachten?“ Er blickte mich noch bedrückter mit seinen traurigen Hundeaugen an und war kurz vor dem Losheulen. „Alles weg. Manu, es ist alles weg...“. Ich runzelte die Stirn: „Wo ist alles weg?“ Er räusperte sich: „Melissa hat unser gesamtes Haus leergeräumt! Alle Möbel, alle Kleider, das Besteck, sogar meine Zahnbürste ist weg...einfach alles!“
Das konnte doch nicht wahr sein! „Bist du sicher, dass es Melissa war und bei dir nicht eingebrochen wurde?“ Er schüttelte heftig den Kopf: „Klar war es Melissa, hier..." und drückte mir einen kleinen Zettel in die Hand. „Sie hat noch eine kurze Nachricht hinterlassen. Scheisse. Was soll ich jetzt bloss tun? Ich liebe sie doch, aber wieso muss sie eine solche Szene machen?“ Ich las die Notiz: „Eine neue Liebe? Ja dann - auf ein neues Leben! Viel Spass beim Einrichten des Hauses. M.“ Ich war schockiert und gleichzeitig wurde mir klar, dass Marco dieses Mal wirklich kolossalen Mist gebaut hatte. Eine solche Frau drehte nicht einfach mal so durch. Diese Aktion roch gewaltig nach Rache.
„Hast du sie betrogen? Oder wolltest du sie verlassen? Himmel, WAS hast du angestellt?“, fragte ich ihn. Marco stand auf und begann in meinem Wohnzimmer hin- und her zu schlurfen, wie ein müder Löwe in seinem eigenen Käfig. Er blieb stehen und starrte auf den Boden: “Ich habe mit ihrer besten Freundin, Daniela, geschlafen.“

Ich hätte um ein Haar mein Cognac wieder herausgeprustet und verschluckte mich gewaltig.  Ich konnte es nicht fassen! Aufgeregt und sauer zugleich meinte ich: „Bist du total durchgeknallt? Was in aller Welt hast du dir dabei gedacht? Ach, Scheisse, du hast gar nichts gedacht, denn dein lieber Freund in der unteren Etage muss wohl die Führung übernommen haben, was? Geht’s dir eigentlich noch gut? Ausgerechnet mit Daniela, die beste Freundin, die Melissa seit Jahrzehnten hat? Die zwei Frauen sind miteinander gross geworden und sind wie Schwestern!" Er sass wieder auf der Couch, nahm das Kissen und drückte sein Kopf hinein. Am liebsten wäre er vom Erdboden verschluckt worden. Er litt wie ein Hund und das geschah ihm auch recht. Es gab keine Entschuldigung, welche diese Tat hätte rechtfertigen können.

„Himmel, ich weiss doch auch nicht, was an diesem Abend mit mir los war. Daniela war doch bei uns zu Hause ein regelmässiger Gast. Und es war auch in den letzten Jahren immer wieder vorgekommen, dass wir zwei einen ruhigen Abend verbracht hatten. Das war auch für Melissa absolut in Ordnung. Sie vertraute uns. Na ja, und seit einem guten Jahr hat Melissa begonnen sich von mir zurück zu ziehen. Sprich unser Sexleben war praktisch gleich Null. Ich hatte sie gefragt, was los sei und sie meinte es sei bloss eine Phase. Sie hätte eine Umbruchszeit und wolle sich als Frau neu erfinden. Schliesslich habe sie in den letzten Jahren genug mitgemacht und die Verletzungen sässen noch tief. Sie war offensichtlich unzufrieden und wollte mir nicht sagen, woran das lag. Und ich war auch in meinem eigenen Film – du weißt wie viel ich arbeite und ich war total absorbiert. Ich kam auch spät nach Hause, da ich wusste, dass sie eh keinen Bock auf mich hatte. Die harmonischen Abende war eher eine Seltenheit.“

Er fuhr weiter: “Ja, und dann wurden die Streitereien um Kleinigkeiten fast alltäglich. Ich weiss bis heute nicht, weshalb sie so in sich gekehrt ist. So eine Kacke, ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Gut, ich begann sie zu provozieren und wollte wissen, ob sie einen anderen Kerl kennen gelernt hatte und ob dies der Grund für unsere Funkstille war. Sie hatte mir dann immer dieselbe Antwort gegeben:“ Sicher nicht, sonst würde ich nicht mehr mit dir zusammensein. Kommst du nicht selber drauf? Da sieht man, wie du dich in meine Lage versetzen kannst – nach alldem, was ich wegen dir durchgemacht habe. Wir leben schon seit 15 Jahren zusammen und du kennst mich immer noch nicht. Hast gar nichts mitgeschnitten was? Echt toll!"

Er schüttelte den Kopf: „Frauen sind einfach irgendwelche ausserirdischen Wesen, die aus einem wirklich dummen Zufall vom Himmel auf die Erde gefallen sind. Ich werde euch nie verstehen! Weshalb konnte sie mir nicht sagen, was los war! Dass ich sie oft alleine gelassen habe und meist abends weg war, hatte sie immer wieder erwähnt. Aber das habe ich doch nur für UNS getan!“
„Ich war mit meinem Latein am Ende. Wir gingen oft mit anderen Leuten aus, um nicht abends miteinander zu Hause zu sein. Oder hatten immer wieder Gäste bei uns eingeladen. So mussten wir nicht miteinander reden. Und wenn wieder ein Sturm in Sicht war, schaute ich kurzerhand immer in die Glotze. Tja, ich war gedanklich immer weniger bei ihr. Aber ich dachte, dass sich alles wieder einrenken würde. Schliesslich hatten wir es doch so gutgehabt und ich sah nicht ein, weshalb das nicht wieder so wie früher funktionieren konnte!“

Typisch Mann. Früher war doch alles so gut. Ja, für ihn. Und ich war mir sicher, dass Melissa genügend Male ihre Gründe glasklar dargelegt hatte. Aber irgendwann ist man innerlich erschöpft und lässt eine gewisse Resignation zu. Müdigkeit und eine akute allergische Reaktion auf das Gegenüber machen sich dann automatisch breit und der Lustpegel stürzt ab wie eine Rakete beim Fehlstart.
Marco hatte sie offenbar nicht ernst genommen und gedacht, dass sie einfach die Delete Taste drücken könnte – und Puff, wäre alles vergessen und vergeben! Tja, zaubern sollte man können! Er hatte sich einfach zu lange mit sich selbst beschäftigt, die eigentlichen Probleme meisterhaft verdrängt und schlichtweg nur an sich gedacht. Diese geniale Haltung nennen wir im Übrigen «verkappte, bescheuerte und taube Opferhaltung mit narzisstischen Zügen», was natürlich ein Widerspruch in sich ist, aber wie soll man ein solches Verhalten sonst nennen.

„Ja, und eines abends war ich alleine zu Hause. Ich arbeite gerne daheim, ist weniger stressig und keine Leute, die immer dämliche Fragen stellen. Da meldete sich Daniela. Melissa war in Mailand wegen irgendwelchen Kleidereinkäufen. Daniela wollte mit mir Essen gehen und ich sagte ihr zu. War nichts Aussergewöhnliches. Auf jeden Fall beschloss ich, dass ich was zu Hause kochen könnte und sie nahm den Wein mit. Ich schwöre dir Manuela, ich hatte noch nie ein Auge auf sie geworfen! Klar, sie ist eine attraktive Frau, aber sie ist die beste Freundin von Melissa!“ 

„Wir verbrachten einen angenehmen Abend und hatten uns gut unterhalten, so wie immer. Und dann ist es passiert. Es kam einfach so, wir hatten uns lange angeschaut und dann sind wir über uns hergefallen...Scheisse. Bin ich ein Arsch...Ich hatte doch seit Monaten keinen richtigen leidenschaftlichen Sex mehr gehabt. Daniela blieb bis am nächsten Morgen. Seit dieser Nacht habe ich sie auch nicht mehr gesehen, noch gehört...Sie schämt sich sicher auch, dass diese Sache passiert ist.“ Schämen? Junge, ich würde, wenn ich sie wäre, auswandern oder einen Namenswechsel in Betracht ziehen!

Wie hatte es Melissa erfahren? Wie aus einer Kanone geschossen kam die Antwort: „Wie? Du wirst es nicht glauben! Es ist so ungeschickt und blöde, dass es fast zum Lachen ist – wie aus einem kitschigen Liebesroman. Daniela hatte ihre Ohrringe auf meinem Nachttisch liegen lassen und Melissa hatte diese am nächsten Abend gefunden. Und wie du weißt, sieht sie es sofort, wenn ich lüge - sie kennt mich nur zu gut.“

„Dann ist der Dritte Weltkrieg bei uns zu Hause ausgebrochen. Ich glaube, eine Vase konnte ich noch retten. Alle anderen Wohnaccessoires in Reichweite hatte sie aus Wut gegen die Wand geschmissen. Es herrschte das pure Chaos, sie hatte sich dann auch ins Badezimmer eingeschlossen und wollte nicht mehr rauskommen. Gott, das war ein einziger Albtraum! Sie war enttäuscht und so wütend, dass ich beschloss zu einem Freund zu gehen. Ich wollte ein paar Tage abwarten, bis sich die Lage wieder beruhigt hätte. Denn schliesslich kann man mit einer hysterischen Frau nicht diskutieren...“   

„Ich versuchte sie dann am übernächsten Tag via Handy zu erreichen. Sie hatte ihre Nummer bereits gewechselt. Das machte mich stocksauer. Und nach einer Woche habe ich entschieden, dass ich wieder nach Hause gehen wollte. Und das war heute morgen. Gott, ich stand unter Schock, als ich die Tür öffnete. Sie hat aber auch alles mitgenommen! Die Bilder, Sofas, sogar die dämlichen Kissen. Es ist unglaublich, ich hätte eine solche Reaktion von ihr nie erwartet! Ich meine, die Alte spinnt doch, oder nicht? Das macht man nicht – ich sollte sie anzeigen, schliesslich hat sich mich ausgeraubt! Als ich dann in meinem Kleiderschrank nachschaute – es ist ein Einbauschrank, darum war er noch da – waren alle meine Anzüge, Gürtel und Krawatten weg! Nichts hatte sie dagelassen! Nicht mal 'ne Senftube im Kühlschrank. Alles weg...!“

„Manu ich fühle mich wie ein Stück Dreck. Ich habe ein so beschissenes Gefühl im Magen und mein schlechtes Gewissen meldet sich regelmässig. Ich schlafe praktisch nicht mehr und arbeiten kann ich beim besten Willen nicht. Und jetzt habe ich auch kein Zuhause mehr. Ich habe auch keinen Bock alles wieder einzukaufen oder mit ihr jetzt zu streiten– nein, das tue ich mir nicht an! Melissa ist doch meine Traumfrau, ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Ach, ich habe keine Ahnung wie ich aus dieser Situation wieder rauskomme. Und das Geschäft – ohne sie, ist es doch nicht mehr dasselbe.“ Ja, ja. Immer die alte Leier: Hinter jedem starken Mann, steht eine noch stärkere Frau.

Er hatte den dümmsten, bescheuertsten und unverzeihlichsten Fehler begangen, den ein Mann einer Frau antun konnte. Mit ihrer besten Freundin in die Federn zu hüpfen. Da gab es kein Pardon. So leid mir das für Marco auch tat – es sah gar nicht gut für ihn aus.

Und dann kam der ultimative Hammer: Melissa wusste von drei weiteren Seitensprüngen in den letzten acht Jahren. Sie hatte beide Augen zugedrückt und ihm genügend Chancen gegeben, sich zu ändern. Nach dieser Zusammenfassung war es mir schleierhaft, wie Marco nicht verstehen konnte, wieso sich Melissa von ihm entfernt hatte. Wer nicht hören will, muss fühlen! 

Marco begann im Laufe der Zeit sein Haus einzurichten. Auch versuchte er mehrere Male Melissa zu treffen, dies aber ohne Erfolg. Der Alltag kehrte nach ein paar Monaten wieder bei ihm ein – zumindest was das Geschäft anbelangte. Privat war er immer wieder am Jammern, er hätte seine Traumfrau verloren und würde alles tun, um sie wieder bei sich zu haben. Leider hatte er aber nichts Grossartiges geleistet, um sie wieder zurück zu erobern. Denn schliesslich war er doch DER Marco und alle anderen Frauenherzen pochten immer noch bei seinem Anblick. Aber er war nicht mehr so der alte Spassvogel wie früher, seine Augen strahlten nicht mehr wie einst und es schien, als wäre ein Teil von ihm gestorben. Kein Wunder. Karma is a bloody boomerang, my friend.

Melissa hatte ich seit dieser grossen Hausräumungsgeschichte nie mehr gesehen. Eines Tages traf ich sie überraschend in einem Kaffee mit einem attraktiven Mann. Sie begrüsste mich wie immer freundlich und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Sie sah hinreissend aus. Ich war erstaunt, denn ich hätte sie nicht in diesem Zustand erwartet.

„Toll dich zu sehen! Wie geht es dir? Ich habe schon gedacht, du seist ausgewandert!“, meinte ich grinsend. Sie lächelte: „Ist mir schon klar, dass alle gedacht haben, dass ich meinen Depressionen erlegen sein muss. Und anfangs, das gebe ich zu, war ich wirklich zu Tode betrübt und wollte gar nicht mehr. Das Geschäft, die Leute, die Familie und Freunde – ach Gott, das alles war mir zu viel! Und dann habe ich zu mir gesagt: Melissa – steh auf und geh deinen Weg! Du hast 15 Jahre deines Lebens einem Mann gewidmet, ihn aufgebaut und zum Erfolg gebracht. Hast gute und schlechte Momente erlebt und das war alles richtig so. Aber nun sind diese Zeiten vorüber!“. Sie legte eine kurze Atempause ein und trank einen Schluck Espresso. „Und nun lebe ich nur für mich und meine Ziele. Alle Entscheidungen betreffen nur mich und ich muss mir nicht mehr einen Kopf für andere machen. Tja, ich fühle mich wohl und bin frei wie ein Vogel!“. Sie lachte kurz auf und strahlte mich an. Man musste ihr eines ganz sicher zugestehen. Sie hatte Stil. Kein böses Wort über Marco und seinen Seitensprüngen. Wenige Frauen behalten eine solche edle Haltung - Respekt.

„Weißt du, ich fühle mich nach dieser Trauerzeit so wie neu geboren. Trennungen sind eben auch Chancen, nur dass man anfangs intensiv mit dem Trauern beschäftigt ist. Aber die Zeit heilt die Wunden – und heute steh ich da. Bin im besten Alter, weiss was ich will und hab mir neue Ziele gesteckt. Ich werde mein Leben in vollen Zügen geniessen!“

Ich musste mitlachen, denn ihre enthusiastische Art war ansteckend. Sie schien ihr Leben neu begonnen zu haben und ich freute mich für sie. Dann drehte sie sich zu ihrem Begleiter um und zwinkerte mir zu. Sie kam näher und flüsterte: „OK, er ist etwas jünger als ich, aber ich mag ihn unglaublich gerne! Er ist eine eigenständige Person, bringt mich zum Lachen und hält mich richtig fit, wenn du weißt, was ich meine...“, sie lachte und wurde leicht rot vor Verlegenheit. Jason besass ein Fitness Center und war anfangs ihr Personal Trainer gewesen. Nach und nach entwickelte sich mehr daraus, so dass das Training auch ausserhalb des Sportstudios verlegt wurde.

Dann blickte sie auf ihre Uhr und meinte:“ Schade! Leider muss ich schon wieder weiter. Tut mir leid! Aber wir haben einen Termin beim Schneider. Entschuldige uns!“

Da ich ebenfalls weiter musste, verliessen wir drei miteinander das Bistro – und da stand er. Das neueste Modell - ein schwarzer Maserati Grancabrio. Der Wagen war ein absoluter Traum. Ich war hingerissen und musste schmunzeln. Sie kostete tatsächlich alles aus und machte das, was sie wollte. „Wow, Melissa! Der Wagen ist eine Wucht! Kompliment!“ Sie drehte sich um und grinste verschmitzt: „Tja, ich habe meine langjährig investierten Antiquitäten und Anlagen abgestossen und werde mein Kapital anderweitig geniessen!“, zuckte die Achseln und lächelte mir zu. Ich verstand. Sie stieg ein und setzte ihre Sonnenbrille auf, Jason winkte kurz zum Abschied – und weg waren sie.