Nicht kompatibel!

Nicht kompatibel!

„Und wenn es das Letzte ist, was ich tue! Die Türe ist für dich nach zwei Uhr geschlossen! Ich habe die Schnauze gestrichen voll, dass du dauernd unterwegs bist!“, fauchte mich Roland an. Er war stocksauer und schäumte vor Wut.

Eine solche Aussage liess ich mir nicht gefallen: "Was fällt dir ein, mich zu bevormunden? Willst du dich als Vater aufspielen? Ich mache das, was mir passt und du bist der Letzte, der was zu sagen hat! Du hast sie wohl nicht mehr alle!“ Er meinte grimmig:  "Merkst du nicht, dass du nonstop auf Achse bist und wir gar nicht mehr zusammen einen Abend verbringen?“ Ich hätte ihn würgen, vierteilen, federn und teeren können. 

„Und das ist wohl meine Schuld, wie? Du bist doch der, der abends immer vor seinem Computer sitzt und alle möglichen idiotischen Programme ausprobieren und testen will! Soll ich dir dabei zuschauen? Denkst du, dass ich Spass daran habe, wenn mein Partner keine Zeit für mich hat? Mittlerweile fragen sich meine Freunde, wie lange es noch geht, bis ich wieder Single bin. Unsere Beziehung ist unglaublich langweilig geworden! Und wir haben dieses Thema schon so viele Male diskutiert. Aber nein, mein Super-Nerd bleibt immer noch zu Hause und unterhält sich lieber mit der Technik, als mit seiner Freundin!“ Nun kam Bewegung ins Haus, Roland lief davon und verschwand direkt in die Küche. Flucht nach vorne. Die Strategie: weg vom Schlachtfeld und überleg dir währenddessen, womit du dein Vis-à-vis wieder als Nächstes beschuldigen kannst.

Ich war stinksauer. Es konnte so nicht weitergehen. Roland und ich waren seit erst acht Monaten ein Paar, aber die Beziehung hatte schon sehr früh begonnen zu kriseln. Kein Wunder, wir hatten scheinbar verschiedene Ansichten, was eine Partnerschaft anging. Ich wollte mit ihm viel erleben und mein Leben mit ihm teilen. Gute Zeiten - Schlechte Zeiten. Und er wollte – tja, was zum Kuckuck wollte er eigentlich?
Er hatte es mir bis an diesem Tag nicht sagen können. Seine sehr tiefsinnige und unvergessliche Aussage war: “Du bist eine super Frau und lässt mir meine Freiheiten. Hast viel Humor und siehst toll aus. Es ist schön mit dir die Zeit zu verbringen.“ Bei der Frage, ob er verliebt sei: “Irgendwie schon. Aber ich will auf jeden Fall, dass du einen Teil in meinem Leben bist! Bin halt in einer Umbruchphase mein Schatz und das hat absolut nichts mir dir zu tun. Bitte nimm es nicht persönlich, ich muss meine Gedanken neu ordnen. Wir sollten das Ganze einfach einmal laufen lassen, denke ich.“ Umbruchphase? Nichts mit mir zu tun? War ich einfach als Statist in einem zweitklassigen Low-Budget-Film gelandet?
Ich trat in die Küche ein und versuchte ruhig und gelassen zu wirken. Ich hatte genug von diesen Leerläufen und inhaltslosen Diskussionen. Wir kamen nicht auf einen grünen Zweig. Bei emotionalen Situationen konnte (oder wollte) er sich nie verbal äussern. Ironie des Schicksals war, dass als ich ihn kennengelernt hatte, er sich ganz anders verhalten hatte. Damals hatte er Shakespeare-ähnliche Gedichts Attacken an den Tag gelegt und eine grosse Portion Romantik gezeigt. Er wollte für mich bis ans Ende der Welt gehen... mittlerweile fragte ich mich, ob er auf der Rückreise sein kleines Gehirn wieder mitgenommen hatte.

Er blickte mich kampflustig an und erwartete einen giftigen Kommentar von mir. Weshalb sollte ich mich auf sein Niveau hinunterziehen lassen? Ich bekam langsam aber sicher akute Kopfschmerzen. So viele Gedanken wirbelten in meinem Kopf und die Spannung zwischen uns war einfach unerträglich. Ich konnte diese Art von Auseinandersetzungen nie leiden. Aber diese Streitereien waren die einzigen „Gespräche“, die wir in den letzten drei Monaten führten. Denn Roland war verschlossen wie eine Auster und wollte sich nicht der Situation stellen. Er pflegte die Vogelstrauss-Politik – den Kopf in den Sand stecken und warten bis das ganze Manu-Unwetter vorüber ist.

„Was soll das ganze Theater schon wieder? Du willst nie über uns reden. Aber bei Nebensächlichkeiten, da verwandelst du dich zum fluchenden Rumpelstilzchen der Nation! Ich finde das ist Kindergarten und das habe ich bei Gott nicht nötig!“ Wie aus der Kanone geschossen entgegnete er höhnisch: "So? Madame hat dies nicht nötig? Oh, wie gütig Madame ist, dass Sie sich noch mit mir abgibt!“ Ich zischte zurück: “Ich habe halt eine soziale Ader! Und nenn mich nicht Madame!“ Unbeirrt fuhr er fort:“ So, so, du hast dieses sogenannte Theater nicht nötig? Wer provoziert hier den ganzen Schrott – ich oder du? Wer von uns zwei ist immer unterwegs? Ich oder du?“ Er ertrug seine Niederlage wie ein Mann: er machte mich für die ganze Situation verantwortlich. Schlappschwanz.

„Und was kann ich dafür, dass dir Partys wichtiger sind als ich? Denkst du, dass ich meine abendlichen Tätigkeiten nur zum Spass mache, he? Das ist meine Arbeit und wenn ich gut genug bin, ist das unsere Zukunft. Du solltest mir eigentlich dankbar sein und mehr Verständnis dafür zeigen!“ Nun war ich definitiv am Limit angelangt:“ Sag mal, geht’s eigentlich noch? Wir sind erst seit acht Monaten zusammen und du sprichst von Zukunft? Ding Dong – wach auf mein Lieber! So wie es aussieht ist die Gegenwart schon gar nicht mehr sicher!“

Ich war gerade so in richtig Fahrt: "Und mach mich nicht für deine sogenannten Opfer verantwortlich! Das sind deine Ziele und von mir aus, kannst du machen was du willst – solange du nur zufrieden bist! Aber das bist du ja auch nicht. Gib doch zu, dass dir dein Job und deine Karriere wichtiger sind als ich! Ist doch offensichtlich, dass all diese investierte Zeit nur für den künftigen Erfolg zuzuordnen ist! Und das mein Lieber, machst du nur für dich alleine – und nicht für mich!"

Nun waren die Sturmsirenen zu hören – Orkan Roli war im Anmarsch: “Was willst du eigentlich von mir Manuela? Ich versteh nicht, weshalb du dich so aufregst und was genau dein Problem ist. Ist doch einfach zu verstehen oder nicht: Ich will was erreichen und du kannst doch sicher etwas Geduld aufbringen, bis ich am Ziel angekommen bin! So verhält sich eine moderne Frau. Und danach haben wir sicher viel Zeit und können uns auf uns konzentrieren."

Ich konnte es nicht glauben, welchen Schrott dieser Mann von sich gab: “Ich glaub ich spinne! Ich warte nicht bis ich 100 Jahre alt bin, bis du auf die Idee kommst, mich zu lieben! Es ist unglaublich, aber du scheinst einfach eine perfekte Verdrängungsmaschine zu sein. Hab heute keine Lust auf Gefühle, na ja, dann verschieben wir doch das Ganze aufs nächste Jahr. Und bis dann ist die fromme Manuela sicher immer noch da und wartet geduldig auf mich, weil sie einfach eine tolerante und verständnisvolle Frau mit Charakter ist. Am besten lässt du mich noch einfrieren – würde mir sehr wahrscheinlich auch nichts ausmachen, da du seit Wochen auch nicht gerade viel Wärme abgibst.“
Nun blickte er mich traurig an und meinte resigniert: „Weißt du, ich glaub das kommt nicht gut mit uns beiden. Solche Diskussionen machen mich müde und nehmen mir die Energie weg, die ich doch momentan so dringend brauche. Können wir nicht einfach heute damit aufhören – ich brauch einen klaren Kopf und ich denke, dass wir doch noch Zeit haben, um dann eine Lösung zu finden. Ich habe den Nerv nicht. Und immer so viel reden – wieso könnt ihr Frauen nicht einfach abwarten und sehen wie es kommt? Diese ganze Hektik macht mich schlapp und ich fühle mich dann immer wie ausgelaugt.“ Ich, ich und nochmals ich! Er war nur auf sich fixiert. Ich brodelte: "Himmel, das ist normal, dass man sich in einer Beziehung unterhalten muss! Kommunikation ist nun mal das einzige langfristig haltende Band zwischen zwei Menschen. Ein Paar kann unmöglich eine Zukunft haben ohne Gespräche zu führen. Ist im Geschäftlichen übrigens auch so – oder hast du ein jemals Projekt einfach so, ohne irgendwelche Strategie-Besprechungen und Planungen, erfolgreich durchgeführt?“
„Sehe ich denn so doof aus, dass ich das nicht kapieren würde? Ich weiss, dass du beziehungstechnisch mehr Erfahrung hast, aber das bedeutet nicht, dass du Allwissend bist! Dein Lehrer-Ton geht mir mächtig auf den Wecker - ich bin nicht zehn Jahre alt! Es hängt mir zum Hals heraus, dass du immer eine Antwort auf jede Frage hast!“ Schroff antwortete ich: "Wir können gerade heute und jetzt mit Reden aufhören und schauen wie alles den Bach runter geht!“ Genervt drehte ich mich um und wollte Richtung Bad verschwinden. Es hatte keinen Sinn, dieser Mann lebte definitiv auf einem anderen Planeten. Oder wie er es ausdrücken würde – unsere Systeme waren ganz und gar nicht kompatibel!

Roland wollte immer das letzte Wort haben: “Ja, ja, und da verschwindet Madame wieder und ist hochgradig beleidigt. Die unverstandene Manuela und ich bin wieder der Vollpfosten vom Dienst. Gehst du nun weg heute Abend oder nicht?“ Ich machte kehrt und ging in die Küche zurück – ich blickte ihn genervt an und meinte lakonisch: "Logisch mein Schatz...und du bist wie immer, sehr herzlich eingeladen mitzukommen. Wir sind bei einem Barbecue eingeladen und anschliessend werden wir alle wie wild die Hufe schwingen und machen die Nacht zum Tag. Lust dabei zu sein?“, fragte ich ihn in einem ironischen Tonfall.

„Da wirst du sicher wieder von vielen Männern umringt sein. Und je länger der Abend dauert, desto klarer und eindeutiger werden die Typen dich anmachen – wie Fliegen werden sie an dir kleben! Diese Kerle haben sich einfach nicht im Griff und saufen wie die Löcher. Ist toll, wenn man weiss, dass die eigene Freundin vor diesen geilen Hengsten ihre Hüfte schwingt. Na ja, wenigstens trinkst du nicht viel.“ Ich konnte nicht mehr: "Du und deine krankhafte Eifersucht! Ich konnte mich in Vergangenheit immer durchsetzen und kann heute bestens auf mich aufpassen. Und übrigens: Danke für dein Vertrauen! Du verletzt mich mit solchen Aussagen und ich habe das Gefühl, dass du mich nicht kennst! Komm aus deinem lethargischen Zustand raus. Ich will dich wie am Anfang erleben, du warst auch viel unterwegs und wesentlich lockerer drauf.“ Er schüttelte der Kopf: "Ich habe einfach keinen Bock mehr und in einer Bar rumzuhängen macht mir keinen Spass mehr. Und das mit dem Tanzen musst du erst gar nicht ins Spiel bringen. Ich habe eh nie gerne getanzt!“

Ich schaute ihn verständnislos an: “Das ist wohl ein Witz! Dich und deine Freunde habe ich doch in einem Klub getroffen. Auf der Tanzfläche habt ihr euch wie Gockel aufgeführt und bis in die frühen Morgenstunden durchgefeiert. Und du hast mit mir getanzt, bis dir die Füsse weh taten!“ „Tja, da wollte ich dich kennen lernen“, entgegnete er trocken und meinte nüchtern: "Und diese Übung ist ja jetzt wohl nicht mehr nötig. Schliesslich haben wir es zu Hause viel gemütlicher.“ Ich war sprachlos: “Heisst das, dass ihr Herden von suchenden und sabbernden Männern dieses ganze Affen-Tanztheater nur aufführt, um Frauen aufzureissen?“

„Hör zu, wir funktionieren anders, wir sind einfach verschieden programmiert. Und das solltet ihr endlich verstehen! Es gibt selten einen Mann, der es liebt wie John Travolta die ganze Nacht durchzutanzen. Ausser er ist schwul oder Single und hat mächtig Alkohol intus. Wobei, wenn der Alkoholpegel hoch ist, kann sich das Tanzen meistens in ein undefinierbares Schwanken mutieren...“, dabei grinste er gedankenverloren und war anscheinend irgendwo anders. In seiner Single-Vergangenheit wahrscheinlich.

Ich blieb hartnäckig: "Das heisst also, dass wir beide keine heissen Tänze mehr hinlegen können, weil wir uns bereits kennen und du mich nicht mehr anbaggern musst?" Er runzelte die Stirn: "Ich mag es nicht, wenn alle Leute uns beim Tanzen zuschauen. Du bist dann meistens sexy angezogen und die Typen geilen sich doch nur auf...“ Ich war fassungslos: "Was labberst du für eine gequirlte Scheisse!“, ich war ausser mir.

"Nachts sieht die Welt anders aus. Und da fallen die Hemmungen schneller und wenn Alkohol im Spiel ist - ja, dann macht man manchmal Fehltritte...“ Er wollte weiterreden und ich unterbrach ihn schroff: "Man soll nie von sich auf andere schliessen! Langsam habe ich das Gefühl, dass du hier von dir sprichst und nicht von mir.“ Wie von einer Tarantel gestochen reagierte er blitzschnell: “Spinnst du oder was? Ich weiss einfach, wie es ist, wenn man unterwegs ist!“ Ich schüttelte abermals den Kopf: "Ich bin keine Zwanzig mehr – ich kann bestens auf mich aufpassen. Danke. Du weißt, dass ich nicht eine Frau zum Abschleppen bin. Ansonsten wärst du nicht mit mir zusammen!“ Ruhe war im Raum. Ich war genervt: "Ich gehe jetzt Duschen, sonst komme ich noch zu spät. Und du kannst dir ja überlegen, ob du mitkommen willst oder nicht.“ 

Natürlich kam er nicht mit. Die Leute würden ihn langweilen, Hunger hätte er auch nicht und er müsste ja so noch so viel arbeiten. Blablabla. Ich solle gehen und mich amüsieren. Dies hatte er in einem gespielt ruhigen Ton gesagt, ohne mich auch nur anzusehen. Der hatte Nerven! Sein Bildschirm war in diesem Moment wesentlich wichtiger. Ich seufzte und wusste, dass wenn nicht schnellstens ein Wunder geschehen würde, unsere Geschichte bald ein Ende finden würde. Ich gab keinen Kommentar ab und überspielte meine Enttäuschung mit einer distanzierten Art und wollte gerade gehen, als er noch in einem befehlenden und herrschenden Ton nachrief: "Und das eins klar ist, das mit zwei Uhr gilt immer noch!“

Er hatte wieder einmal das obligate letzte Wort. Ich konnte mir keinen Reim daraus machen, was diese dämliche, arrogante und oberkindische Aktion bewirken sollte. Na warte. Eins war sicher: Frauen haben viele Fehler; Männer haben nur zwei: alles, was sie sagen und alles was sie tun!
Es war 3.00 Uhr als ich mit meinem Wagen in seine Strasse einbog. Ich parkte wie üblich vor dem Haus und stand vor der Eingangstüre und klingelte kurz zweimal. Keine Reaktion. Ich wusste, dass er als so konsequenter Mann die Türe nicht sofort öffnen würde. Da Roland sich noch nicht gezeigt hatte, läutete ich abermals. Mittlerweile waren sicherlich schon 3 Minuten vergangen und ich liess die Türglocke in regelmässigen Abständen immer noch kräftig bimmeln. Aber die Tür blieb verschlossen. Im Haus war kein Laut zu hören, also schnappte ich mein Handy und wählte seine Nummer. Ich hätte es mir denken können, er hatte das dämliche Ding wohlweislich ausgeschaltet. Ich versuchte es folglich per Festnetz - nada. Ich hörte drinnen den schrillen Ton und schüttelte resigniert den Kopf. 
Und weiter ging es mit fröhlich Läuten. Plötzlich lehnte sich eine Nachbarin aus einem Fenster hinaus und war sichtlich genervt. Sie war nicht gerade freundlich gestimmt, was ich unter diesen Umständen vollkommen verstand. Sie schüttelte den Kopf und wollte wissen, ob ich die Lärmregelungen kennen würde. Ich solle gefälligst sofort mit diesem zermürbenden Krach aufhören, sie würde gerne weiterschlafen. Ich entschuldigte mich natürlich - und klingelte weiter.   

Nach weiteren zwei Minuten hörte ich, wie Roland im Haus herumlief, ein leises Klirren der Schlüssel ertönte und in der nächsten Sekunde öffnete er die Haustüre. Er war zornig, hatte einen hochroten Kopf und blickte mich sehr böse an. Er meinte zähneknirschend: "Ich hatte dir doch gesagt, dass ich dich nach zwei Uhr nicht mehr reinlasse, oder nicht? Aber nicht einmal das willst du begreifen. Und vielen lieben Dank auch, dass die ganze Nachbarschaft wach ist. Nun stehe ich wie ein Trottel da! Du bist einfach unausstehlich! Was willst du eigentlich? Ich werde dich nicht reinlassen – ich hatte dich gewarnt!“  Ich schaute ihn an, lächelte gelassen und flüsterte honigsüss: “Ich wollte dir doch bloss Gute Nacht wünschen.“ Ich machte rechtsumkehrt und ging zu mir nach Hause.
Und ja, ohne Zweifel, du bist der grösste Vollpfosten aller Zeiten...!