Und ewig grüsst das Murmeltier

Und ewig grüsst das Murmeltier

Es gibt eine Gruppe an Männern, die ich nicht ausstehen kann. Diese Spezies gehört zum „Klub der verpassten Chancen“. Alex teilte ich auch zu dieser erwähnten Gruppierung ein. Wir hatten uns circa zwei Jahre nicht mehr gesehen und ich hatte nie wieder an ihn gedacht. Und leider hatte ich das Pech, ihm wieder über den Weg zu laufen.

Entnervt liess ich meine Tasche auf mein Sofa fallen und war froh, endlich wieder zu Hause zu sein. Dieser Abend war der blanke Horror gewesen! Ich musste mich die ganze Zeit von Alex fernhalten, weil er einfach nicht seine spitzen Bemerkungen für sich behalten konnte. Er hatte mich den ganzen Abend mit Komplimenten überschüttet und war nicht eine Sekunde von meiner Seite gewichen – ähnlich wie die Schweizer Garde beim Heiligen Papst...Er gab mir zu verstehen – und dies unmissverständlich - dass er sich wieder mit mir treffen wollte und liess keine Gelegenheit aus, um mich zu überzeugen, dass er immer noch der Richtige für mich sei.

Er blickte mich mit seinen blauen Augen an und versuchte mich zu fixieren. Ich kam mir vor, wie das vor Angst gelähmte Häschen vor der hungrigen Kobra. Da wollte ich ihm ausweichen und mich davonstehlen, als er meinen Arm packte und mich an sich heranzog. Dabei meinte er mit einem leicht dramatisch bittenden Unterton: "Hätte ich doch mehr um dich gekämpft! Du bist die Frau meines Lebens und die künftige Mutter meiner Kinder! (Tolle News!) Ich war wirklich blind und nur auf mich fixiert, habe ich denn gar keine Chancen mehr?“ (In einem anderen Leben?) „Wir hatten eine solch gute und intensive Zeit! Ich war dort einfach noch nicht bereit. Lass es uns doch nochmals versuchen! Vermisst du mich denn gar kein bisschen mehr?“ Treuherzig schaute er mich an, er war kaum zu bremsen: „Mann, und der Sex mit dir war unglaublich! Es war einfach perfekt. Ich weiss, ich habe damals nicht verstanden, dass ich mehr für uns hätte tun müssen! (Was er wohl getrunken hat?) Aber jetzt habe ich mich wiedergefunden (du hast dich also nicht gut versteckt, Mist!) und weiss, was ich will. Ich war ein Vollidiot (bist, mein Lieber, bist...) und du hast mir gar keine Möglichkeit gegeben, dir zu beweisen, dass ich dich glücklich machen kann! Und ich weiß genau, wie ich dich zufrieden stellen kann...“ (Ja, sei Copperfield und verschwinde!)

Warum konnte er nicht verstehen, dass es für mich schon lange vorbei war? Diese Männer lassen immer ein Türchen offen und hoffen, dass sie bei Gelegenheit wieder in dein Leben reinspazieren können. Locker - einfach so. Witzigerweise haben sie alle ähnliche Angriffstaktiken oder Strategien, wie sie eine Frau wieder um den Finger wickeln wollen. Grundsätzlich gibt es drei Angriffs-Verhalten: a) entweder schaut er dich mit verheissungsvollen Blicken an (ich bin der einzig Richtige für dich Baby – hab’s aber leider erst nach deiner Abfuhr gemerkt) und macht andauernd zweideutige Anspielungen, die immer im sexuellen Bereich zu finden sind - oder b) er hat diesen unterwürfigen Hundeblick. Unter dem Motto: Ich brauche unbedingt und sofort Aufmerksamkeit, denn schliesslich war ich einst dein Lover und hab ein Recht darauf (und ich war sicher der Beste – das denken sie im Übrigen alle)!

Und Alex hatte an diesem Abend die anstrengendste Strategie gewählt; er wollte mich einfach nicht in Ruhe lassen. Sprich, er hatte die „Ich-kleb-an-dir-fest-Variante“ gewählt. Die kann man sich wie folgt vorstellen: Sobald du den Raum betrittst, wirst du innerhalb von Sekunden vom ehemaligen Geliebten attackiert und nicht mehr freigelassen. Du fühlst dich sehr eingeengt und denkst nur ans Flüchten. Er überhäuft dich mit Komplimente und will andauernd deine Aufmerksamkeit. Er folgt dir dann auf Schritt und Tritt – wie ein kleiner Hund – nur, dass ein lieber Vierbeiner einfach wedelt und den Rand hält und keine anzügliche Bemerkungen von sich geben kann! 

Das Ärgerlichste kommt noch, denn nicht genug, dass er wie ein Schatten hinter dir her ist, nein, dieser Typ markiert immer noch den Macker. Er ist galant, aufmerksam und gibt sich dann auch sehr ritterlich. Aber wie ein gutes Sprichwort weise sagt: Ritterlichkeit ist die Neigung eines Mannes, eine Frau gegen jeden Mann zu verteidigen, ausser gegen sich selbst!
 
Und auch hier sind Parallelen zur Hundewelt ersichtlich. Das Gebiet wird immer noch kräftig umworben und auf Eigentum markiert. Der Grund ist klar: Auch, wenn du keinen Bezug zu diesem Mann mehr hast, für ihn ist es eine Ego Frage, denn schliesslich war er einst der Obergockel vom Dienst. Diese Situation ist für die Frau obermühsam, denn solange ihr Ex-Lover immer noch im Umkreis von 10 Meter anwesend ist, wird sie auf keinen Fall einen neuen Mann kennen lernen. 
 
Diese klebrige Angelegenheit kann man nur mit klaren Aussagen lösen und beenden. Liebevolle und ausweichende Rechtfertigungen sind nicht effektiv genug. Direkt, offen und ehrlich ist der einzige Weg. Logischerweise löst diese klare Aussprache hässliche Diskussionen aus und endet meistens mit einem beleidigten Mann, der sich mürrisch wieder zurückzieht. Da wird das männliche Ego angekratzt. Dumm gelaufen! 
 
Das Verrückte an der ganzen Sache ist, dass es Männer gibt, die solche Markierungs-Attacken auch dann noch ausüben, wenn sie in einer Beziehung mit einer anderen Frau stecken oder gar Familie haben. Man sollte eben nur auf einer Hochzeit tanzen und vielleicht ab und zu das Hirn wieder einschalten, das braucht bekanntlich auch noch ein wenig Blut...!
 
Alex und ich hatten damals eine kurze, aber heftige Affäre. Diese Geschichte mit ihm war sehr inspirierend, spannend und schön gewesen. Ich hatte mich nicht in ihn verliebt und dies von Anfang an mitgeteilt. Ihm ging es genauso, demnach hatten wir also eine Bettgeschichte. Klare Verhältnisse von Anfang an.
 
Alles hat einmal ein Ende. Ich spürte, dass in dieser Affäre die Luft draussen war und hatte keine Lust mehr ihn zu treffen. Und so teilte ich ihm meine Entscheidung mit. Wir sassen bei ihm in der Küche, ich schlürfte meinen Kaffee runter und schaute ihn erwartungsvoll an. Nachdem ich ihm meine Trennungsabsichten mitgeteilt hatte, stand er einfach da und blieb stumm wie ein Fisch. Er verhält sich sehr sonderbar, dachte ich damals und blickte ihn verwundert an. Ich hätte wenigstens eine Bemerkung erwartet. Aber nichts. Eine sehr unübliche Reaktion. 
 
Er verhielt sich immer noch ruhig und blickte mich lächelnd und gelassen an. Er musste unter einem Schockzustand leiden, dachte ich und überlegte, wie ich das Ganze auflockern könnte. Aber da gab’s gar nichts aufzulockern – er nickte abermals und meinte kurz: „Ich versteh nicht ganz, was bei dir los ist, schliesslich haben wir es gut miteinander. Auf der anderen Seite ist schon eine gewisse Trägheit bei uns beiden eingebrochen. Da gebe ich dir recht. Na ja, das kann sich ja vielleicht wieder ändern, nicht? Aber ich bin einverstanden, eine Pause wird uns guttun!"
 
Eine Pause? Hatte ich mich nicht klar genug ausgedrückt? Ich dachte kurz nach und kam zum Schluss, dass er dieser Geschichte vielleicht gar keine allzu grosse Wichtigkeit zumass und deshalb so gelassen reagierte. Und somit war die Geschichte für mich abgeschlossen, denn wir hatten alles bereinigt. Er schien zu diesem Thema nichts Weiteres beitragen zu wollen. Froh, dass alles geregelt war, ging ich nach Hause. 
 
„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ heisst es doch so weise. Und wie es dieser Spruch in sich hatte! Nach knapp einer Woche meldete sich ein mürrischer Alex per Telefon. Er war alles andere als freundlich und meinte schroff, wir sollten uns treffen, denn er müsse mit mir gewisse Dinge besprechen. Erstaunt fragte ich nach, was denn so Dringendes anstand. Er entgegnete sichtlich genervt: “Ich hatte letzte Woche gar keine Chancen meine Gedanken zu ordnen, als du dich aus dem Staub gemacht hast. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass ich diese Geschichte nicht aufgeben will. Nicht auf deine Art und Weise. Wir hatten unsere Meinungsverschiedenheiten und vielleicht haben wir auch nicht die gleichen Interessen. Was soll’s? Der Sex mit dir ist einfach genial und eine Frau kann doch nicht geilen Sex haben, ohne dass sie verliebt ist! Es ist gegen ihre Natur! Also spielst du mir doch was vor – ich will wissen was wirklich los ist!" Ich war sprachlos. Vor allem bei der Aussage, dass eine Frau verliebt sein muss, um guten Sex ausleben zu können. In welchem Jahrhundert war der hängen geblieben?
 
Ich war sehr erstaunt, dass er so heftig und resolut reagierte. Ich kannte ihn als einen doch geradlinigen, kontrollierten und ruhigen Mann, der seine Handlungen und Vorstellungen bis anhin klar und deutlich aussprechen konnte – ohne auszurasten. Diese emotionale Tour passte gar nicht zu ihm. Vorsichtig meinte ich, dass es vielleicht besser sei, sich nicht nach so kurzer Zeit wieder zu treffen. Ich würde lieber ein wenig Gras über die Sache wachsen lassen. 
 
Da verlor er komplett die Fassung und schrie hysterisch: “Wer glaubst du eigentlich wer du bist? Was soll das komplizierte Getue? Ich will doch einfach mit dir reden! Schliesslich hast du vor einer Woche auch deine Meinung gesagt. Und nun bin ich an der Reihe! Ich habe diese Behandlung wirklich nicht verdient!“ 
 
Wir trafen uns zum Mittagessen. Er sah müde und mitgenommen aus. Sehr wahrscheinlich hatte er eine Party am Vorabend gefeiert und hatte wieder einmal mächtig tief ins Glas geschaut. Er versuchte mich gelassen anzulächeln und meinte: “Schön, dass wir es doch noch geschafft haben. Ich habe in den letzten Tagen praktisch nichts geschlafen. Diese ganze Story hat mich doch sehr stark beschäftigt.“ Wie vom Blitz getroffen sah ich ihn ungläubig an. Er war stets wie ein Fels in der Brandung und schien mir doch immer Herr in allen Lagen zu sein. Ich wunderte mich, denn diese emotional verwirrte Seite kannte ich nicht. Auch tat es mir leid, dass er so reagierte und scheinbar so litt. Was war hier los?
 
Bei der Frage, was ihn denn so stark beschäftige, explodierte er wie ein Vulkan: „Du kannst doch nicht innerhalb von so kurzer Zeit nicht mehr verliebt sein! Wenn eine Frau mit einem Mann etwas anfängt, kann sie doch nicht von einem Tag auf den anderen einfach gehen! Geht doch nicht, ihr seid nicht so programmiert, wie wir Männer. Entweder hat sich ein anderer Typ bei dir reingeschlichen und du willst es mir nicht beichten oder du hast mir die ganze Zeit etwas vorgespielt!“ Wütende Blicke trafen mich wie kleine giftige Pfeile. Ich hätte schon lange tot sein müssen. Ich schüttelte den Kopf und konnte ihn nicht verstehen. Ich und ein anderer Kerl? Wir hatten doch keine Beziehung gehabt - lediglich eine Bettgeschichte! Was sollte diese irrationale und schizophrene Reaktion? 
 
Und dann ging mir ein Licht auf. Es gab eine einzige plausible Erklärung für dieses unterirdische Verhalten: Er wurde verlassen. Ich hatte es entschieden. Er konnte sich damit nicht abfinden. Deshalb suchte Alex nach guten Gründen, um mir den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben. Er schaute mich wie ein Tiger kurz vor der Fütterung an. Er wollte auf mich wütend sein und mich in die Wüste schicken. Natürlich wäre ihm ein anderer Mann geradezu gelegen gekommen. Denn er wollte mich endlich als Tussi abstempeln, um dann den Jungs erzählen zu können, dass ich es nicht wert gewesen sei. Und wenn er sich diese Rechtfertigung lange genug selbst einreden würde, hätte er alles besser verkraften können. 
 
Nun begann ich langsam aber sicher sauer zu werden. Hier ging es nicht um mich. Sein Ego war angeknackst und sein männlicher Stolz war futsch!
 
Ich machte ihm unmissverständlich klar, dass ich keinen anderen Lover an Land gezogen hatte und ich seine Reaktion komplett daneben fand. Wir hatten eine Bettgeschichte gehabt und waren uns damals beide einig gewesen, diese auch als solche zu betrachten. Ich wiederholte, dass ich nie in ihn verliebt war und verliess anschliessend das Restaurant. Das konnte doch nicht wahr sein! Alex war irgendwie nicht mehr derselbe. Er hatte seine Kontrolle verloren. Ich wollte ihn nicht mehr sehen. Ego-Probleme hin oder her. 
 
Man soll eine gekränkte Seele nie unterschätzen. Als ich ein paar Tage später abends nach Hause kam, nahm ich meine Post wie üblich aus meinem Fach. Da stockte mein Atem, diesen Schriftzug auf dem Brief kannte ich zu gut. Sein Schreiben inhaltlich zusammengefasst war in etwa wie folgt: "Du bist ein egoistisches und herzloses Weib! Hast mich nur ausgenützt und bist dann einfach gegangen. Ohne mich in deine Entscheidungen einzubeziehen. Bist wirklich das Letzte! Ich hatte hier wohl gar nichts zu sagen, was? Das ist mir noch nie passiert, dass ich mich so in einen Menschen getäuscht habe! Ich hatte dir doch alles gegeben und du wirfst alles weg! Hätte ich dich doch nie kennen gelernt und wäre ich doch lieber mit Susanne zusammengeblieben! Die war wenigstens nicht so ein Luder wie du, die verhielt sich so, wie es sich in einer Beziehung gehört. Lass mich bloss in Ruhe und meide mich, ich will dich nie wieder in meinem Leben sehen!"
 
So in etwa waren seine sehr liebevollen Zeilen auf einem weissen Stück Papier gekritzelt – kein Wort in diesem sogenannten Brief entsprach der Realität. Solche Reaktionen kommen von Männern, die es nicht wahrhaben wollen, dass sie verlassen wurden. Irgendwann ist es immer das erste Mal. Und dann sind diese Kreaturen in ihrem Stolz dermassen tief verletzt, dass sie solche Manöver und Aktionen unkontrolliert starten. Er hatte dieses Schreiben abgefasst, um seine Wut loszuwerden. Er suchte ein Ventil und hatte sich ganz klar für mich entschieden. Er wollte mich ganz gezielt verletzen und warf mir die unmöglichsten Dinge an den Kopf. Und das hatte er auch mit Bravour geschafft. Was ich am meisten verabscheute war seine Respektlosigkeit. Ich hatte eine solche Abreibung nicht verdient! Ich war nicht nur obersauer - ich war vor allem enttäuscht. Und seine Hirnzellen, die wenigen, die er scheinbar noch hatte, spielten komplett verrückt und suchten sich vergeblich in einem unendlichen Vakuum – genannt Kopf. Er hatte sich in einer tickenden Zeitbombe verwandelt und ich fragte mich nur, wann diese wohl explodieren würde.
 
Als ich dann zwei Wochen lang nichts mehr von ihm gehört hatte, begann ich aufzuatmen. Ich war zuversichtlich, dass dieses Hin- und Her nun wirklich vorbei war.
 
Ich sass gemütlich mit meinen Freundinnen beim Aperitif an einer Bar. Wir waren fröhlich und diskutierten wieder einmal sehr angeregt über Gott und die Welt. Das Thema Alex wurde aus Rücksicht nicht angeschnitten – schliesslich wollten sie mich gut gelaunt erleben. Da näherte sich plötzlich Markus.  Er war ein Arbeitskollege von Alex und winkte mir zu. Er wollte kurz mit mir sprechen. Ich wusste instinktiv, dass es sich nur um Alex handeln konnte. Sofort waren meine Nerven wieder aufs Höchste angespannt und mein Magen fühlte sich an, wie eine Waschmaschine im Schleudergang.
 
Markus sass mir gegenüber und begann das Gespräch mit einem traurigen Unterton: “Weißt du Manuela, ich weiss, es geht mich nichts an, aber...Na ja, Alex ist in einem sehr üblen Zustand. Er sieht übermüdet aus und scheint in ein Loch gefallen zu sein. Mittlerweile fragt sich die ganze Bude, was aus dem gelassenen, ausgeglichenen und freundlichen Mitarbeiter geworden ist. Seit du dich von ihm getrennt hast, geht’s eindeutig bergab mit ihm. Er kann sich einfach nicht wieder auffangen, arbeitet praktisch nichts mehr und kommt regelmässig spät zur Arbeit. Bitte rede mit ihm." An dieser Stelle hätte ich am liebsten Schreien wollen. Was heisst hier, ich hätte ihn verlassen? Himmel! Und woher sollte Markus alles so genau wissen? Alex musste es folglich allen erzählt haben. Vielleicht verkaufte er es so, dass wir sogar heimlich ein Paar gewesen seien! 
 
Eine Mischung aus Wut und Hilflosigkeit kam auf. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf und ich verspürte ein zunehmendes Verlangen nach einem Sandsack. Ich atmete durch: „Was soll ich sagen, Markus. Ich weiss nicht, was er dir genau berichtet hat und es ist nicht wichtig. Denn nur Alex und ich wissen, was wirklich gelaufen ist. Bitte versteh mich nicht falsch, aber ich habe auch keine Lust, diese Angelegenheit mit dir zu besprechen.“ Er hob erstaunt seine Augenbrauen, schüttelte seinen Kopf und meinte: “Nein, nein, ich will mich auf keinen Fall einmischen! Das ist eure Sache, aber Manuela, der Mann will nochmals mit dir reden. Er braucht dich. Es sind noch andere Dinge bei ihm schiefgelaufen. Seine Eltern haben vor ein paar Tagen entschieden, sich scheiden zu lassen. Das war wohl zu viel für ihn – er hat’s irgendwie nicht mehr verkraftet. Und wenn er sich nicht bald auffängt, ist sein Job auch in Gefahr. Kannst du dich nicht mit ihm treffen?“ 
 
Alex sass mir gegenüber. Ich blickte ihn an und musste feststellen, dass Markus nicht übertrieben hatte. Unrasiert, schwarze Augenringe und einen verknitterten Anzug. Super Anblick.  Er sah mitgenommen und komplett übermüdet aus. Das einzige, was ich für ihn tun konnte war zuhören. Er schaute mich an und lächelte müde und meinte kraftlos:“ Sorry, dass ich Markus eingeweiht habe. Aber ich habe keine andere Möglichkeit gesehen, an dich ranzukommen. Ich bin dir dankbar, dass du da bist. Es geht mir beschissen und das mit meinen Eltern weißt du schon. Es fällt alles auseinander und ich krieg nichts mehr auf die Reihe! Es ist verhext! Vorher war alles in bester Ordnung und jetzt fällt es mir nur schon schwer, morgens aus dem Bett zu kommen. Was soll ich bloss tun?“ Wir begannen miteinander über die Ehe-Problematik seiner Eltern zu reden. Ich sah, dass er seine Gedanken unbedingt jemanden mitteilen wollte. Ich war froh, dass ich ihm helfen konnte. Solange unsere kurze Vergangenheit nicht im Mittelpunkt der Diskussion stand, konnte nichts schiefgehen.
 
Nach einer Stunde wollte ich mich verabschieden. Er hatte mittlerweile ein paar Mal in unserem Gespräch gelacht und sah wieder ein bisschen gelassener aus. Seine Miene verdüsterte sich aber augenblicklich, als ich zahlen wollte und ich spürte, wie er mich nicht gehen lassen wollte. Und da machte er wieder einen Annäherungsversuch – und das hatte fatale Folgen: “Ich danke dir vielmals, dass du mir zugehört hast. Es geht mir wieder viel besser, bist halt eine super Frau! Mit dir ist es einfach immer so unproblematisch. Es tut gut, wenn du da bist, denn du findest immer die richtigen Worte. Kann ich dich morgen anrufen? Ich möchte einfach nur mit dir reden, ich weiss sonst nicht weiter. Ich lade dich gerne sonst zu mir ein, ich könnte für uns etwas kochen oder so...“ Super. Er tat's schon wieder.
 
Und da hatte ich augenblicklich wieder diese heftigen Atemprobleme. Vorsichtig meinte ich, dass es keine gute Idee sei. Und da rastete er wieder aus und betitelte mich als „Biest“ und „Frigides Weib“. Tja, meine Geduld war am Ende: “ Hör zu Junge, ich war für dich da – bis gerade eben. Und du hast nichts anderes im Sinn, als mir all deine Vorwürfe anzuhängen. Nimm dein Leben in die Hand und mach was draus. Wir alle haben unsere Rückschläge, so ist das Leben! Und mach mich nicht für deinen miesen Zustand verantwortlich. Ich hab es satt von dir respektlos behandelt zu werden! Von wegen frigides Weib und Biest – wenn ich ein solch sogenanntes kaltherziges Ding gewesen wäre, hätte es mich einen Scheiss interessiert, wie es dir heute geht. Also, ich sag es dir zum letzten Mal – lass mich in Zukunft zufrieden! Ich will dich nie mehr sehen und wenn du Probleme hast, ruf doch die dargebotene Hand an - die sind auf solche Idioten, wie dich spezialisiert!" 
 
Ich brauche wohl nicht zu bemerken, dass ich am gleichen Abend reichlich Alkohol getrunken hatte. Ich schwankte leicht und plumpste in mein Bett. Ich war ziemlich angeschlagen und wollte diesen Tag einfach nur vergessen. Ich hatte mich mit meinen Freundinnen zum allgemeinen Besäufnis getroffen. Wenn es sich um einen Notfall handelt, muss man nur den „AAP-Code“ ausrufen und alle erscheinen solidarisch – zur seelischen Unterstützung. Dieser Code heisst übrigens nichts anderes als: „Adieu-Arschloch-Programm“. Solche Freunde zu haben ist das Beste und Schönste im Leben – man kann das Leid teilen, wird getröstet und verstanden. Auch wenn man lallt...
 
Zu meinem Glück wurde ich von dieser komplizierten und mühsamen Geschichte mit Alex befreit. Tatsächlich hatte ich ihn seit diesem Treffen nie mehr gesehen. Ich hatte dann ein paar Wochen später erfahren, dass er im Ausland war und abrupt einen längeren Urlaub angetreten hatte. Später wurde mir zugetragen, dass Alex wieder strahlend, von Selbstsicherheit strotzend und fröhlich gestimmt gesichtet wurde. Das freute mich und ich war unendlich erleichtert – die Geschichte hatte sich also doch noch zum Guten gewendet. Ende gut, alles gut. 
 
Er war wieder mit seiner Ex-Freundin Susanne zusammen und sei so richtig glücklich mit dieser Frau, hiess es. Das musste wahre Liebe sein! Sicher. Logisch. Darum hatte er mich wie ein Irrer heute Abend wieder angebaggert, nicht wahr? Und ewig grüsst das Murmeltier - ein Teufelskreis!