Zickenalarm!

Zickenalarm!

Wenn Frauen zu richtigen Giftspritzen mutieren. Drama Baby, Drama!

Julia schaute mich traurig an: “Weshalb hört mir Martin nie zu? Er treibt mich noch in den Wahnsinn!“ Und wieder seufzte sie laut heraus. Sie war gerade sehr melodramatisch unterwegs und wollte auf keinen Fall in ihrer theatralischen Vorstellung unterbrochen werden. Schliesslich war sie am Leiden und das sollte man unmissverständlich verstehen. Tja, was bleibt einer Freundin dann übrig, als zuzuhören? Auch wenn man die Geschichte mittlerweile hundert Mal gehört hatte. Julia schien in ihrer pathetischen Rolle so richtig aufzugehen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie diese Streitereien unbedingt brauchte. Man stelle sich vor, alles würde zum Besten laufen. Welch eine Katastrophe! Keine ausgedehnten Aperitifs mehr, keine Krisenabende bei unserem Lieblingsrestaurant dem Italiener (der übrigens ganz reizende Kellner hatte) und keine Prosecco Nachmittage in unserer Bar um die Ecke. DAS wäre wirklich eine Tragödie! 

Während ich also auf die weitere Ausführung ihres Klageliedes wartete, musste ich willkürlich lächeln. Viele Frauen sind durchgeknallte Hühner. Wenn sie einen Freund haben, dann beschweren sie sich wie blöde über ihn – und wenn sie Single sind, bemitleiden sie sich. Eigentlich meckerten sie andauernd. Ich grinste vor mich hin, als Julia mich fragend anblickte. Ich teilte ihr meine Gedanken mit. Sie starrte mich verständnislos an und schüttelte vehement den Kopf. 

„Hast du sie noch alle? Was heisst, gewisse Frauen suchen sich aus purer Selbstbeschäftigungstherapie die Macken ihrer Männer heraus, um sich darüber richtig aufzuregen. Denkst du ich streite gerne mit Martin? Wir werden immer solchen Konfrontationen mit dem männlichen Geschlecht ausgesetzt sein, denn schliesslich wollen sie uns einfach nicht verstehen!“ Ich musste eingreifen: „Hör zu, als du Martin kennen gelernt hast, war ja alles in Butter. Du hast mir gesagt, dass du seine Macken ganz gut annehmen kannst und auch betont, dass du schliesslich auch deine Ecken und Kanten hättest und sicher nie eine Nörgeltante werden würdest. So. Und nun schau dich an! Zwei Jahre sind vergangen und du benimmst dich wie ein altes quasselndes und nervendes Biest, das nichts anderes sieht, als all die Dinge, die Martin als Partner, im Haushalt und Beruf nicht richtig erledigen kann. Dich regt sogar das Geräusch seines Kauens während dem Essen auf!“ Ich musste kurz durchatmen und fuhr weiter, während Julia einen kräftigen Schluck Champagner zu sich nahm. Sie war definitiv hochmotiviert diese Anschuldigungen so schnell wie möglich zu widerlegen. 
„Haben gewisse Frauen einen Partner an ihrer Seite und der Beziehungsstatus ist geklärt (wir sind jetzt ernsthaft zusammen), sind sie nicht mehr die lockeren und aufgestellten Frauen von einst. Nein. Wie in einem Stephen King Film, verwandeln sie sich in quengelnde und analysierende Wachhunde! Und wie bitte schön, sollte sich hier ein Mann noch zurechtfinden? Deine andauernden Belehrungen gehen Martin auf den Wecker. Schliesslich hat er schon eine Mutter! Es kann doch nicht sein, dass er an allem schuld ist. Sei endlich mit dir zufrieden und hör auf, immer nur auf Martin fixiert zu sein!" 
Sie starrte mich an und war nun ziemlich aufgewühlt. Eine solche Predigt hatte sie nicht erwartet. Sie hatte sich zu einer frustrierten und giftigen Dame entwickelt. Und das hatte nur am Rande etwas mit Martin zu tun. Das wusste sie natürlich. Aber es war viel einfacher, ihm alle Schandtaten anzuhängen. 
„Du kannst das so locker sagen Manuela! Du hast ja keinen Mann zu Hause!“ Ich grinste: “Schätzchen, zicke nicht mit mir herum, nur weil ich deine Schwachstelle getroffen habe. Hast du tatsächlich das Gefühl, dass Martin alleine an euren Reibereien schuld ist? Du machst dir doch etwas vor. Es kann doch nicht sein, dass eure Beziehung nur aus Diskussionen um falsch ausgedrückten Senftuben und nicht richtig eingerollten WC Papierrollen bestehen kann!“ „Himmel, was kann ich denn dafür, wenn mir dieser Mann nicht zuhört!“, fauchte Julia zurück. „Weißt du eigentlich wie viele Male ich mir wegen diesem superschlauen Mann den Mund zerredet habe? Wie oft habe ich ihm schon gesagt, dass ich es auf den Tod nicht ausstehen kann, wenn er seine dämlichen Schuhe ins Zimmer schleudert, sobald er nach Hause kommt. Sein Kommentar ist dann, dass er so eine halbe Minute spart, um so direkt an den Kühlschrank zu gehen. Ich kann mir nicht helfen, aber er macht diese „Ignorier-Sie-Tour“ doch mit Absicht!“ 

Diese Cliché Geschichten gingen mir zusehends auf den Keks. „Merk dir doch endlich eins - Männer können und wollen einem langweilig langen Monolog nicht folgen! Wenn du mit Martin sprichst, dann versuch doch dein Anliegen in drei kurzen und klaren Sätzen zu verpacken. Der Mann kann doch nur die letzten Sätze behalten – lange Ausführungen sind für das männliche Gehirn absolut nicht effektiv!“ Sie lächelte grimmig: “Ich weiss das doch, aber wenn ich dann in Fahrt bin, kann ich mich nicht mehr bremsen und bringe die ganzen Sachen der letzten Wochen auf den Tisch! Ich kann es nicht etappenweise machen, da ich super emotional werde..." Ich nickte und meinte ironisch: “Tja, und dann bringst du noch die Lösungen zu all euren Problemen. Und er müsste dann innerhalb von zwei Minuten diese auch als gut befinden und einen intelligenten Kommentar abgeben, der dir dann auch gefällt. Nicht wahr?“ Ich schüttelte den Kopf: "Diese Erwartungshaltung ist doch hirnrissig. Ein Mann ist nicht ein Ding, das einfach da ist, um deine Wünsche von den Augen abzulesen. Er muss doch genauso seinen Tag leben und seine Probleme bewältigen wie du."

„Das mag sein, aber er verhält sich ungeheuerlich. Schon klar, dass ich ihm den Wind aus den Segeln nehme, indem ich mich so unmöglich verhalte. Klar haben wir deswegen nicht mehr so viel Sex wie früher. Das macht mich auch noch ganz fertig! Sie schaute mich verzweifelt an und meinte vorsichtig:“ Es muss ja nicht sein, dass nur meine Nörgeleien an diesem ganzen Durcheinander schuld sind! Unter Umständen hat er sich in eine andere verguckt! Das kann doch sein, oder nicht? Vielleicht findet er mich nicht mehr so attraktiv, schliesslich habe ich ganze 5 Kilo zugenommen...“ 

Langsam nervte sie mich richtig: “Er hat keine andere und hör mit diesem Schwachsinn auf! Dies sagst du ja nur, um eine Ausrede zu haben. Ist ja einfacher, alles ihm in die Schuhe zu schieben. Wenn du dich in deiner Haut nicht wohl fühlst, den Laden dicht machst und dich so unausstehlich verhältst, vergeht sogar einem supergeilen wilden Hengst die Lust dich zu verwöhnen! Verstehst du nicht, dass du zuerst mit dir selbst HAPPY sein solltest?" 

Julia nickte düster vor sich hin. Diese Standpauke hatte sie dringend gebraucht. Schliesslich war sie auf einem ganz schrägen Zerstörungstrip gelandet. Dieser zeichnete sich aus, dass sie ganz gezielt die nervlichen Zustände von Martin täglich testen wollte. Da er sie ja, nach ihrem Empfinden, ignorieren und vernachlässigen wollte, hatte sie zu schwereren Mitteln gegriffen und die waren nicht wirklich koscher. So ganz unter dem Motto: Wer nicht hören will, muss fühlen. 

Vor ein paar Monaten begann sie ganz gezielt die so ersehnte Aufmerksamkeit wie folgt zu erlangen: 1. Sie meckerte dauernd über seinen Fahrstil („Fahr nicht so ruckartig, mir wird ganz übel!“ oder „Ich hatte dir doch gesagt, dass wir dort rechts abbiegen mussten. Aber nein, du musstest wieder deinen Kopf durchsetzen!“) 2. Wie von Geisterhand und ganz unerklärlich hatten alle seine weissen Hemden einen rosa Stich („Weiss auch nicht, wie das geschehen konnte. Geh dir doch neue kaufen!“) 3. Sie hörte unaufhörlich griechische Schlager (worauf er schäumend vor Wut die Wohnung verliess und sie zum Teufel geschickt hatte. Einen auf griechischen sülzenden Julio-Iglesias-Verschnitt kann man auf die Dauer einfach nicht aushalten) 4. Sie kaufte sich viele Kosmetikartikel und platzierte diese natürlich im ganzen Bad so, dass er praktisch keine Bewegungsfreiheit mehr hatte („Schliesslich muss ich für mein Aussehen etwas tun – auch wenn DU mich überhaupt nicht mehr anschaust!“) 5. Sie hatte regelmässige Heulattacken oder Wehwehchen und versuchte sein Mitleid so zu erringen – oder sie ignorierte ihn komplett. 6. Sie begann sich sozial zu engagieren und nahm regelmässig an Sitzungen teil, die mit Hilfsprojekten zu tun hatten. („Vielleicht gehe ich noch in ein Dritt Welt Land und werde dort meinen Beitrag leisten – schliesslich bin ICH verantwortungsbewusst!“)

Ich könnte viele weitere schizophrene Beispiele aufzählen. Es war also für mich nur logisch, dass Martin früher oder später diesem Theater ein Ende setzen wollte. Er begann sich in noch eindeutiger Weise zu distanzieren. Julia merkte nun, dass ihr Rachefeldzug ganz und gar nicht aufging und suchte wie eine Verrückte nach der Notbremse. Was in aller Welt hätte sie nun unternehmen können. Schliesslich war die Krise schon spürbar und Martin hätte sich nicht so leicht von ihr überzeugen lassen einen Neuanfang zu starten. Er würde ihrer Versöhnungstaktik nicht wirklich Glauben schenken. Kein Wunder! Nach zwei Monaten nonstop griechischer Schlagerparade hätte auch ich berechtigte Zweifel! 

Nun blickte sie gedankenverloren in ihr Champagnerglas. Sie war nervös und wollte die Lösung von mir hören. Ich wollte mich auf keinen Fall in ihre Entscheidungsfindung einmischen, sonst hätte sie mir bei einem eventuellen Fehlschlag noch den Kopf eingeschlagen. Schliesslich schaute ich sie eindringlich an und meinte leise: "Erde an Julia! Sind wir noch zu Hause?" 

Ein Lächeln huschte kurz in ihr Gesicht auf und dann versteinerten sich ihre Gesichtszüge wieder: "Was soll ich bloss machen? Ich will ihn doch nicht verlieren." Um die Diskussion ein wenig aufzuheitern beschloss ich die aufmunternde Ausführung zu wählen: "OK, du kaufst eine Sixpack Bier und stellst es in den Kühlschrank, schenkst ihm das neueste Autoheft der Woche, dann verbrennst du vor seinen Augen alle griechischen Schlager-CD's, die du von deinem Superschnulzen-Sänger Jorgos bekommen hast. Daraufhin verbringst du eine erotische Nacht mit ihm und hörst ab sofort auf zu nörgeln und zu tadeln. Wenn du unglücklich bist mit deiner Figur, schau auf deine Ernährung, gehe trainieren und schwitz mal ne Runde. Falls du einen neurotischen Anfall bekommst, weil er wie ein Geisteskranker mit der Fernsehbedienung in der Gegend herumzappt, ignorier es einfach und beschäftige dich mit etwas anderem. Lass ihn leben und versuch mehr Freude und Spass für deine Sachen zu entwickeln. Und noch eine Kleinigkeit: Lass ihn sein Auto tanken, wann und wo er will und überlass ihm das Parken. Deine unermüdlichen Zwischenrufe und Belehrungen im Strassenverkehr gehen sogar mir auf den Sender!" 

Nach gut drei Wochen sah ich Julia wieder. Ich musste mir zugestehen, dass sie absolut tragisch aussah, sie hatte Tränensäcke und dunkle Ringe unter den Augen und blickte mich an wie ein überfahrener Pandabär auf Bambusentzug. Ich wusste sofort, dass ich einen ganz ungemütlichen Abend vor mir hatte. Sie nahm Platz und bestellte sich geradewegs einen doppelten Whiskey auf Eis. Das gefiel mir ganz und gar nicht. 

„Du siehst wirklich deprimiert aus! Was in aller Welt ist geschehen?“ Sie schluchzte leicht und ihre Augen wurden leicht wässrig. „Ach, die Sache mit Martin. Alles ist schiefgelaufen. Aber wirklich alles. Er hat mich verlassen. Und ich bin selbst schuld...hätte ich doch früher auf dich gehört!“ Und nahm einen kräftigen Schluck Whiskey. Atmete kurz durch, strich sich ihre Haare zurecht und begann mit festerer Stimme zu erzählen: "Als wir damals miteinander gesprochen hatten, war ich fest entschlossen einen Neuanfang zu starten. Ich ging also nach Hause und wollte mit Martin einen schönen Abend verbringen. Ja, und dann ist mir ein Patzer passiert...“ Ich runzelte meine Stirn und wusste nicht, worauf sie hinauswollte: "Was hast du jetzt schon wieder angestellt?" 

Sie schniefte ins Taschentuch und starrte auf ihr Whiskey Glas: „Ach, ich wollte bloss mein Auto in die Tiefgarage parken – wie immer. Tja und mein Parkplatz steht neben dem von Martin. Da stand also sein geliebter Jaguar, blitzblank poliert und gepflegt wie immer. Ich fuhr in die Garage rein und just in dem Moment als ich zu meinem Manöver ansetzen wollte, hatte sich die Kontaktlinse in meinem rechten Auge verschoben. Und da die Linse klebte, begann ich wie wahnsinnig zu blinzeln, damit das Tränenwasser mir die klare Sicht wieder hergeben sollte. Ja dann ist es halt passiert...“ 

Man musste wissen, dass Martin ganz in seinen Jaguar vernarrt war. Er verbrachte unzählige Stunden mit diesem wertvollen Old Timer. „Julia, sag mir, dass du rechtzeitig gebremst hast und ...“ „Nein! Ich habe vergessen zu bremsen und so bin ich rückwärts in den Jaguar hineingefahren! War doch mit diesem dämlichen Blinzeln beschäftigt, weil ich doch alles verschwommen sah. Ach Gott! Ich wollte nur noch sterben! Wie sollte er mir, nach dem ganzen schrecklichen Theater der letzten Monate noch glauben, dass ich es nicht absichtlich gemacht hatte! Ich war ratlos und meine Gedanken waren wie gelähmt. Aus lauter Panik, bin ich aus der Garage geflohen und hab meinen Wagen draussen geparkt...“. Ich begann langsam zu verstehen. „Bitte Julia, sag mir, dass du es ihm erklärt hast und du dich bei ihm entschuldigt hast. Schliesslich bist du versichert!" 

Sie blickte mich wieder so betrübt an und ich wusste es. Die ganze Sache hatte sie ihm natürlich verschwiegen. „Ich war so feige! Schliesslich wollte ich gerade einen Neubeginn mit ihm wagen und dieser Patzer wäre mir doch in die Quere gekommen. Ich weiss, dass ich kompletten Mist gebaut habe! Er hat es dann doch noch herausgefunden, weil ich mich verplappert habe. Der Automechaniker hat sich dann nach drei Tagen telefonisch bei mir gemeldet. Wegen meiner kaputten Heckstossstange. Und Martin hat das Gespräch aus Versehen mitbekommen. Dann haben wir noch Kameras in der Garage installiert und diese Aufnahmen hat er auch gesehen. Dann war Weltuntergang angesagt!“ 
Und jetzt war sie wieder in ihrer melodramatischen Phase und gestikulierte wie wild. Sie versuchte ihre Position wieder zu verbessern, indem sie mir weismachen wollte, dass sie ganz böse von ihm angefahren wurde und dass sie das so nicht verdient hätte. Es sei auch besser, dass sie jetzt nicht mehr zusammen wären, denn er sei doch nicht so einfühlsam und reif, wie sie gedacht hätte. BLABLABLA. Martin hatte ihr kurzum gesagt, dass sie zuerst mit sich ins Reine kommen solle, bevor sie sich wieder beziehungstechnisch binden würde. Ihre Unzufriedenheit sei riesig und ihre Frustrationsattacken könne man nicht aushalten, sie solle sich Hilfe holen. Und ich gab ihm recht. Nicht nur, dass diese hitzköpfige Frau ihm das Leben zur Hölle gemacht hatte - nein, sie hatte als Sahnehäubchen noch seinen Wagen zu Schrott gefahren und ihn dazu noch brandschwarz angelogen. 
Manchmal verstehe ich Männer, die es vorziehen alleine zu sein - wenn man ein solches Exemplar à la Julia serviert bekommt. Zicken sind Nervensägen. Mein Tipp an diese Damen: Klappe halten und auf den eigenen Misthaufen achten. Der ist in den meisten Fällen auch ganz gross und stinkig!